Sven Giegold
Spitzenkandidat von Bündnis 90 / Die Grünen für die Europawahl

Sprecher der Europagruppe Grüne
„Kommt, wir bauen das neue Europa!“

Offener Brief an Frau Merkel aus Griechenland

Mein geschätzter griechischer Fraktionskollege Michail Tremopoulos von den griechischen Grünen hat einen offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel geschrieben, in dem er Frau Merkel eindringlich vor den Folgen ihrer populistischen Kehrtwende warnt. Sehr zur Lektüre empfohlen! Ihr findet das englische Original hier: OP-EK-Merkel-open_letter (pdf).

 

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

letztes Jahr hatte ich die Gelegenheit, aus erster Hand zu erfahren, wie gefährlich populistische Rhetorik sein kann. Eine Geschichte des Magazins FOCUS, die alle Griechen als “Gauner” darstellte, rief in meinem Heimatland eine Welle populistischer Reaktionen gegen Deutschland und Deutsche hervor. Ich war einer der wenigen, der sich öffentlich gegen diese Welle stellten und bin froh, dass der durchschnittliche Grieche jetzt klar zwischen Ihrer Regierung und dem deutschen Volk unterscheidet, wenn er wütend wird.

Ich bin oft auf griechische Politiker wütend, die mein Volk offen belügen, und ich dachte, dass solche Dinge “im Herzen Europas” nicht passieren könnten.

Ihre jüngste Aussage über Ihre südeuropäischen Mitbürger hat mich wirklich enttäuscht. Sie hielten eine öffentliche Brandrede, die allen Fakten und Statistiken widerspricht und die leicht zu entkräften ist, was auch tatsächlich geschehen ist.

Ja, liebe Frau Merkel laut offiziellen Statistiken arbeiten wir länger, bezahlen höhere Sozialabgaben, um eine Rente im selben Durchschnittsalter wie die Deutschen zu beziehen. Außerdem haben wir weniger Urlaub. Ich habe nichts dagegen, dass die Deutschen effizienter arbeiten und erkenne an, dass wir effizienter arbeiten müssen.

Allerdings können wir in einer Zeit von Rezession und steigender Arbeitslosigkeit nur dann effizienter arbeiten, wenn wir das Glück haben, unseren Job noch nicht verloren zu haben. Und unser Wohlfahrtsstaat, der schon immer viel schwächer war als der Ihre, wird durch die Sparmaßnahmen jetzt auch noch zu Grunde gerichtet.

Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass Millionen von deutschen Arbeitsplätzen über Jahre hinweg vom Handelsdefizit des Südens profitiert haben. Gäbe es den Euro nicht, hätte der deutsche Exportüberschuss zu einer starken Aufwertung der Deutschen Mark geführt, woraufhin der deutsche Export kollabiert wäre. Ich fürchte, dass die Opfer, die die deutschen Arbeitnehmer aufgebracht haben, Teil des Problems sind. Die Stagnation der Löhne hat zu den Wettbewerbsproblemen des Südens und zu der Eurokrise beigetragen.

Was wir brauchen ist ein gefestigtes, föderales Europa, das dem Steuerwettbewerb Grenzen aufzeigt; das neue nachhaltige Quellen öffentlicher Einnahmen entwickelt, anstatt immer in Sparmaßnahmen zu flüchten; das soziale und umweltfreundliche Dimensionen in die wirtschaftlichen Qualitätsindikatoren aufnimmt; das eine ambitionierte regionale Politik fördert und das einen angemessenen Ausgleich zwischen Solidarität und Verantwortung schafft.

Dieser Vision kehren Sie jetzt den Rücken, und ich fürchte, dass das auch für die deutsche Bevölkerung nicht gut ausgehen wird.

 

Mit freundlichen Grüßen,
Michalis Tremopoulos
MEP, Greens/EFA
Oikologoi Prasinoi, Greece

 
 
[Bild Tremopoulos: Europaparlament – Bild Merkel: CC BY-SA 2.0 World Economic Forum]