Sven Giegold
Mitglied der Grünen/EFA-Fraktion im Europaparlament

Sprecher Europagruppe Grüne
„Kommt, wir bauen das neue Europa!“

Schuldentragfähigkeit fragwürdig

 

Die Financial Times hat eine Kopie der streng vertraulichen Schuldentragfähigkeitsanalyse für Griechenland nach dem Schuldenschnitt. Der Bericht zeigt, dass eine Schuldentragfähigkeit bei einem Schuldenschnitt von rund 50% nur bei optimistischen Annahmen erreicht wird. Der Bericht enthält im Wesentlichen zwei Szenarien.

 

1. Basisszenario, über welches die Finanzminister gestern berieten. Sehr optimistisch!

  • BIP-Entwicklung:

2012: -4,3%

2013: +/- 0%

2014: +2,3%

2015: +2,9 %

 

Aber große Gefahren des Hilfspakets:

  •  Austeritätspolitik mit realer Abwertung zementiert Rezession, so dass ein weiteres Hilfsprogramm notwendig werden könnte: Insgesamt Finanzierungsbedarf bis 2020 in Höhe von 170 Mrd. €
  •  Restrukturierung der Schulden lässt neue Klasse privilegierter Gläubiger entstehen, die zukünftig private Investoren abschreckt. Damit besteht die Gefahr, dass Griechenland nicht wie geplant, an den Finanzmarkt zurückkehren kann.
  •  Problem außerdem: Alle jetzt getauschten griechischen Anleihen sind doppelt abgesichert, durch die griechische Regierung und die EFSF. Jede danach ausgegebene neue Anleihe wird somit nachrangig bedient werden und ist daher unattraktiv für Investoren.
  • Beim Schuldenschnitt wird angenommen, dass sich 95 % der privaten Gläubiger beteiligen. Für jede weiteren 5 % privater Gläubiger, die sich nicht beteiligen, steigt der Schuldenstand im Jahr 2020 um 2 Prozentpunkte.

 Bekannt wurden bereits folgende Schwierigkeiten:

  • Rekapitalisierung der Banken kostet statt 30 Mrd.€  50 Mrd. €
  • Privatisierung spielt statt jetzt 50 Mrd. € erst bis 2020 30 Mrd. € ein

  

2. Szenario “tailored downturn”, das den schlechtesten Fall beschreibt:

 Dieses Szenario bedeutet Folgendes:

  •  Griechenland schafft es nicht, seinen Budgetüberschuss (ohne Tilgung und Zinsen) von derzeit – 1 % auf +4,5 % des BIP zu steigern
  •  Außerdem: Verteuern sich die EFSF-Kredite um 1 Prozentpunkt, dann steigt die Schuldenlast Griechenlands bis 2020 auf 135%.
  •  Schuldenstand-Entwicklung:

2015: Gipfel erreicht bei 178%

2020: 160%

erst gegen Ende der 2020er Jahre 120%

  • Damit stiege der Finanzierungsbedarf auf insgesamt 245 Mrd. €

 

 Dieses Szenario tritt unter folgenden Voraussetzungen ein:

  • Tarifpartner verhindern Lohnanpassungen
  • Partikularinteressen verhindern Produkt- und Dienstleistungsliberalisierung
  • Bürokratie verhindert Reformen der Wirtschaft (nicht genauer ausgeführt)

  

Vorschläge, wie die Schuldenlast gesenkt werden kann:

  •  private Gläubiger verzichten auf Zinsen, spart 5 Mrd.
  • Zinsen auf Hilfskredite werden um 0,9 % gesenkt, spart 500 Mio.
  • Anleihen von nationalen Zentralbanken werden dem 50% Schuldenschnitt unterzogen, senkt Verschuldung in 2020 um 3,5 Prozentpunkte
  • EZB verzichtet auf Gewinne mit griechischen Anleihen (sie hält 40 Mrd.), spart 5 Mrd.
  • Alle Maßnahmen zusammen können die Schuldenlast in 2020 um 12 Prozentpunkte senken.

 

 Die Informationen zur bislang unveröffentlichten Schuldentragfähigkeitsanalyse der Troika stammen aus

http://www.ft.com/intl/cms/s/0/b5909e86-5c0f-11e1-841c-00144feabdc0.html#axzz1n0LtgVwN

http://blogs.ft.com/brusselsblog/#axzz1n0LWMT38

 

Die Kopie der Schuldentragfähigkeitsanalyse kann inzwischen eingesehen werden:

Greece Preliminary Debt Sustainability Analysis 

 

Rubrik: Wirtschaft & Währung

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