Sven Giegold
Mitglied der Grünen/EFA-Fraktion im Europaparlament

Sprecher Europagruppe Grüne
„Kommt, wir bauen das neue Europa!“

Euro-Zahlmeister Deutschland? Von wegen!

Trotz konservativer Annahmen errechnet Bertelsmann Stiftung massive Wohlstandsgewinne durch den Euro 

1,2 Billionen Euro. So hoch schätzt die Bertelsmann Stiftung die kumulierten Wohlstandsgewinne über die nächsten zwölf Jahre nur für Deutschland. Das sind 14.000 EUR für jeden Bundesbürger. Diese Beträge übersteigen bei weitem die Katastrophenszenarien eines Totalausfalls aller Kredite, für die sich Deutschland im Euroraum verbürgt.

Dabei sind die Annahmen der Bertelsmann Stiftung noch extrem konservativ. So errechnet die Studie in einem Szenario, in dem Deutschland aus dem Euro austritt und eine neue DM einführt nur vergleichsweise geringe Wertschwankungen der Währung: Die neue DM würde um 23% aufwerten. Der Euro, als Währung der verbleibenden Mitgliedsstaaten, würde um 7% abwerten. Nun wirken 23% Aufwertung sicherlich nicht gering, doch bezieht die Studie bei der Berechnung dieses Werts lediglich die Preisentwicklungen in Deutschland seit der Einführung des Euros ein.

Da in Deutschland die Preise langsamer stiegen als im Rest der Europäischen Währungsunion, wurden deutsche Güter im internationalen Vergleich billiger. Bei einer einheitlichen Währung werden diese Preisniveauunterschiede nicht durch Wechselkursschwankungen ausgeglichen. In Deutschland kam es folglich zu einer realen Abwertung. Hätte man die DM behalten, so wären deutsche Güter laut der Studie heute um 23% teurer. Diese Zahl zeigt bereits wie stark Deutschland vom Euro profitiert hat.

Bei einem tatsächlichen Austritt Deutschlands aus der Währungsunion würden allerdings weitere Kosten hinzukommen: Die Studie modelliert nicht die Panikreaktion  auf den Märkten.  Investoren würden mit hoher Wahrscheinlichkeit dem typischen Muster folgen und ihr Geld in sichere Häfen verschieben. Die DM würde dann  ähnlich wie der Schweizer Franken in den letzten Jahren massiv unter Aufwertungsdruck geraten. Es käme dann zu einer Aufwertung, die die geschätzten 23% weit übersteigen würde.

Außerdem modelliert die Studie ganz explizit nicht die Panik auf den Finanzmärkten und den mit hoher Wahrscheinlichkeit folgenden Zusammenbruch der restlichen Eurozone inklusive massiver Kapitalflucht, Bankenpleiten und Staatspleiten in vielen Ländern Europas.

Also selbst unter unrealistischen Annahmen, dass ein Austritt Deutschlands ganz ohne Verwerfungen und mit rein rationalen Märkten vollzogen werden könnte, sind die Wohlstandsgewinne für Deutschland durch den Euro gewaltig. Unvorstellbar größer wären die Wohlstandsverluste bei dem wahrscheinlicheren Szenario einer weltweiten Finanzkrise als Folge des deutschen Austritts.

Die nüchternen Zahlen der Bertelsmann Stiftung werden den Euro Kritikern, die Deutschland noch immer als den Zahlmeister Europas sehen, ordentlich den Wind aus den Segeln nehmen.

 

Die Studie der Bertelsmann-Stiftung gibt es hier.

Rubrik: Wirtschaft & Währung

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