Sven Giegold
Mitglied der Grünen/EFA-Fraktion im Europaparlament

Sprecher Europagruppe Grüne

Inflationsdefinition der EZB: Explodierende Wohnkosten nicht länger ignorieren

Übrigens: Heute Abend findet unser Webinar ““EZB: Niedrigzinsen ohne Ende?” mit EZB-Direktorin Prof. Isabel Schnabel und Prof. Lars P. Feld statt. Wir diskutieren mit den beiden Wirtschaftsweisen a.D. über die Geldpolitik der Zukunft. Mittwoch, 14.4.21, 19-21 Uhr. Gleich hier anmelden!

 

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Interessierte,

Mieten sowie Haus- oder Wohnungspreise kennen in den meisten Gegenden seit Jahren nur eine Richtung: steil nach oben. Doch während die Bürger*innen unter den explodierenden Kosten ächzen, klagen die Währungshüter der EZB paradoxerweise seit langem über zu niedrige Teuerungsraten. Denn bei der offiziellen Messung der Inflation spielen Wohnkosten bisher nur eine sehr geringe Rolle. Einen entscheidenden Teil des Teuerungsgeschehens für die Bürger*innen blendet die EZB in ihrer wichtigsten Kennzahl damit einfach aus. Auf meine Frage hin erklärte Christine Lagarde bei ihrer letzten Anhörung im Europaparlament, diese Unwucht endlich angehen zu wollen und eine stärkere Berücksichtigung der Wohnkosten ins Auge zu fassen.

Seit Jahren stabilisiert die EZB mit ihrer engagierten Geldpolitik die Eurozone und kompensiert deren politische Defizite. Auch in der Coronakrise bewahrte sie jüngst mit ihrem beherzten Eingreifen Europa vor dem Finanzkollaps. Zu den bekannten Nebenwirkungen dieser expansiven Geldpolitik gehören jedoch Preissteigerungen bei Vermögenswerten, etwa Aktien oder Immobilien. Daher plädieren wir Grünen im Europaparlament dafür, dass die EZB auf zielgerichtetere Interventionen setzen sollte anstatt das Geld mit der Gießkanne zu verteilen. Das hieße, sich nicht einseitig an das Prinzip der Marktneutralität zu klammern, sondern Zentralbankliquidität gezielt Banken zukommen zu lassen, die tatsächlich die nachhaltige Realwirtschaft finanzieren, und Anreize gegen spekulatives Handeln zu setzen. Dazu braucht es eine konsequente Beobachtung und Messung der Nebenwirkungen sowie eine Inflationsdefinition, die die reale Kaufkraft der Bürger*innen widerspiegelt. Für mich heißt das, dass auch die Preissteigerungen bei Wohnimmobilien angemessen in der Inflation abgebildet sein sollten. Doch woran scheiterte das bisher? Und wie könnte sich das jetzt endlich ändern?

In weiten Teilen Europas herrschte in den vergangenen Jahren spürbare Wohnkosteninflation. Dies gilt vor allem für die Hauspreise, welche in der EU seit 2015 im Schnitt um über 20 Prozent gestiegen sind. Einzelne Länder wie etwa Portugal kommen sogar auf Zuwächse von mehr als 40 Prozent. Die Pandemie hat diese Entwicklung noch weiter angefacht. So stiegen allein im vergangenen Jahr die Preise für Wohnimmobilien in Deutschland im Schnitt um fast 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dabei betrifft der Boom auch längst nicht mehr nur die großen Städte. Im Jahr 2020 stiegen die Preise in 94 Prozent aller deutschen Landkreise. Auch die Preise für Neuvermietungen sind in den vergangenen Jahren teils extrem angestiegen, vor allem in den Ballungsräumen. In den Statistiken macht sich dies jedoch nur eingeschränkt bemerkbar, da sich die Bestandsmieten nur langsam den Neuvermietungen anpassen. So verzeichneten die Mieten seit 2015 im EU-Durchschnitt insgesamt einen Anstieg von rund 7 Prozent. Das zeigt, dass von einer dramatischen Geldentwertung bei Bestandsmieten insgesamt nicht die Rede sein kann. Nach unseren Informationen gibt es jedoch keine wirklich verlässlichen Daten über die Entwicklung der Mieten bei Neuvermietungen.

Während die Wohnkosten in den letzten Jahren unablässig anstiegen, dümpelten die offiziellen Inflationsraten vor sich hin. Seit 2015 betrug die jährliche Steigerung des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HICP) in der Eurozone, auf den sich die EZB bei ihrer Geldpolitik bezieht, nie mehr als 2,3 Prozent. 2015 und 2016 sowie zuletzt im Pandemiejahr 2020 wurden sogar negative Werte, also Deflation, verzeichnet.

Der HICP wird von Eurostat gemäß gesetzlicher Vorgaben berechnet. Dabei wird die Preisveränderung eines breiten Warenkorbs aus Gütern und Dienstleistungen beobachtet, der jährlich neu gewichtet wird. Doch gemäß der aktuellen Methodik gehen die Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum in diesen Warenkorb überhaupt nicht ein. Sprich: Haus- und Wohnungspreise spielen für den HICP keine Rolle! Lediglich Mieten werden erfasst. Doch 70 Prozent der Europäer*innen wohnen nicht zur Miete, sondern in Immobilien, die einem der Haushaltsmitglieder gehören (Deutschland ist hier übrigens mit knapp über 50 Prozent Europas Schlusslicht). Dementsprechend niedrig fällt der Anteil der Mieten an den Gesamtausgaben aller Haushalte aus. In den HICP-Warenkorb gehen Mieten deshalb mit einer Gewichtung von gerade einmal knapp 6,5 Prozent ein. Das bedeutet: Nur 6,5 Prozent des HICP bilden überhaupt unmittelbar Wohnkosten ab. Dabei machen Wohnausgaben (ohne Nebenkosten) im Schnitt rund 17 Prozent der Gesamtausgaben von Europas Haushalten aus. Doch die fehlende Berücksichtigung der Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum verfälscht das Bild.

Am 18. März 2021 tauschte sich der Ausschuss für Wirtschaft und Währung im Rahmen des regelmäßigen Monetary Dialogue mit EZB-Präsidentin Christine Lagarde aus. Ich wollte von ihr wissen, ob Sie sich für eine stärkere Gewichtung der Wohnkosten in der Inflationsdefinition einsetzt. In ihrer Antwort erklärte Christine Lagarde, dass zwar noch kein formeller Beschluss gefallen sei, die EZB aber intensiv an einer Einbeziehung der Kosten für selbstgenutzten Wohneigentum arbeiten würde. Damit könnte nun endlich Bewegung in diese seit langem festgefahrene Debatte kommen.

Europäische Bestrebungen, Wohnkosten stärker in der Inflationsmessung zu berücksichtigen, gibt es schon seit geraumer Zeit. Änderungen der HICP-Methodik sind jedoch bisher an technischen Problemen gescheitert, etwa der Frequenz der Datenverfügbarkeit. Tatsächlich ist es nicht völlig trivial, die Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum sinnvoll in einem Warenkorb zu integrieren. Dennoch haben Notenbanken weltweit dafür pragmatische Lösungen gefunden. In den USA etwa, die ebenfalls eine hohe Eigentümerquote aufweisen, werden bei den Hauseigentümern fiktive Mietausgaben auf Höhe des aktuellen Marktniveaus unterstellt.

Es ist höchste Zeit, dass auch die EZB die Ausgaben für sämtliche Arten von Wohneigentum sinnvoll in ihrer Inflationsdefinition berücksichtigt und die Gewichtung der Wohnkosten an den tatsächlichen Ausgaben der europäischen Haushalte orientiert. Diese Forderung haben wir als Europaparlament auch in einer Resolution vom Februar 2021 aufgestellt. Aktuell unterschätzt die EZB die tatsächliche Teuerung, also den realen Kaufkraftverlust der europäischen Bürger*innen. Damit unterschätzt sie die Wirkung der eigenen expansiven Geldpolitik und schürt Unverständnis in der Bevölkerung.

Die EZB sollte nicht darauf warten, dass der europäische Gesetzgeber in einem langwierigen Änderungsprozess die Methodik der HICP-Messung anpasst. Explodierende Wohnkosten sind ein akutes Phänomen, das nicht länger ausgeblendet werden darf. Eine unverzerrte Inflationsmessung bietet die Chance für zielgerichtetere Geldpolitik. Im Rahmen ihrer derzeit andauernden Strategieüberprüfung hat die EZB die Möglichkeit, den Wohnkosten in ihrer Inflationsdefinition endlich einen höheren Stellenwert beizumessen. Diese Gelegenheit sollte sie nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Mit grünen europäischen Grüßen
Sven Giegold

 

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Meine Frage an Christine Lagarde beim Monetary Dialogue im ECON-Ausschuss des Europäischen Parlaments am 18.03.2021:
https://www.youtube.com/watch?v=pqf7n6eEFgk

Dokumente zum Monetary Dialogue vom 18.03.2021:
https://www.europarl.europa.eu/committees/en/econ/econ-policies/monetary-dialogue

Vollständige Aufzeichnung des Monetary Dialogue vom 18.03.2021:
https://multimedia.europarl.europa.eu/en/committee-on-economic-and-monetary-affairs_20210318-0900-COMMITTEE-ECON_vd

ECB Annual Report 2020 (Resolution des EP) vom 10.02.2021:
https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/TA-9-2021-0039_EN.pdf

 

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P.S. Einladung: Webinar ““EZB: Niedrigzinsen ohne Ende?” mit EZB-Direktorin Prof. Isabel Schnabel und Prof. Lars P. Feld. Wir diskutieren mit den beiden ehemaligen Wirtschaftsweisen über die Geldpolitik der Zukunft.  Mittwoch, 14.4.21, 19-21 Uhr. Gleich hier anmelden!