DIE GRÜNEN | EFA im Europäischen Parlament Sven Giegold Am 25. Mai:Grün für ein besseres Europa

Spiegel Online: Schmähpreis: Aktivisten suchen Europas gefährlichstes Finanzprodukt


Was ist schlimmer: die Spekulation auf Lebensmittel oder Investitionen in Uran? Aus vielen fragwürdigen Finanzprodukten will eine Gruppe um einen EU-Abgeordneten das gefährlichste wählen. Jetzt stehen die Finalisten für das Online-Voting fest. Die Deutsche Bank ist gleich zweimal nominiert.

Als Mitgründer des Aktionsnetzwerks Attac in Deutschland weiß der EU-Abgeordnete Sven Giegold, wie eine ordentliche Kampagne funktioniert. „Europa sucht das gefährlichste Finanzprodukt“, lautet die neueste Aktion des Finanzexperten der Grünen. Im Internet konnten Bürger Vorschläge einreichen, aus denen eine Expertenjury acht Produkte auswählte.

In dieser Woche soll nun im Netz darüber abgestimmt werden, wer den zweifelhaften Titel verdient. Jeder kann sich an der Abstimmung beteiligen. Giegold will dann mit dem Ergebnis bei der europäischen Aufsichtsbehörde ESMA Druck machen, dass das Produkt tatsächlich verboten wird.Giegold gehört im EU-Parlament zu den Experten für Bankenregulierung, er bekommt immer mehr Einladungen, um seine Positionen zu erläutern. „Die Leute vertrauen Ihnen nicht mehr. Sie haben eine miese Beziehung zu Ihren Kunden“, sagte er beispielsweise auf einem Finanzkongress in der Brüsseler Dependance der niederländischen Bank ING. Curt Hess, der Privatkundenvorstand der britischen Bank Barclays, gab sich einsichtig. „Wir brauchen einfachere, transparentere und offenere Produkte“, sagte der Londoner Banker. Der gute Wille sei da, aber man sei auf einer langen Reise.

Wie lang die Reise ist, kann der Barclays-Vorstand nun auf der Liste der acht gefährlichsten Finanzprodukte Europas nachlesen. Eine Version der Kreditkarte Barclaycard, bei der ein effektiver Jahreszins von 18,7 Prozent bei Teilrückzahlung des Kredits berechnet wird, schaffte es unter die letzten acht. „Das ist Wucher“, sagt Giegold.

In der Liste tauchen unter der Kategorie „Anlegerschutz“ außerdem Fremdwährungskredite auf, die viele Immobilienbesitzer in Osteuropa in den Ruin getrieben haben. Auch Kreditausfallversicherungen, die mit wenig Kapitaleinsatz Spekulationen gegen Anleihen eines Entwicklungslands ermöglichen, stehen am Pranger. Die EU hat solche Derivatgeschäfte bisher nur verboten, wenn sie sich gegen EU-Staaten richten.

Zwei Nominierungen für die Deutsche Bank

In der zweiten Kategorie „Umwelt & Soziales“ ist die Deutsche Bank gleich mit zwei Produkten prominent vertreten. Die Jury hat sich aus den Fonds, die auf die Preisentwicklung von Lebensmitteln spekulieren, den DB Platinum Agriculture Euro R1C herausgegriffen. „Es gibt viele Hinweise, dass solche Investitionen in der weltweiten Hungerkrise 2008 die Preise getrieben haben“, sagt Jurymitglied Antje Schneeweiß von der Nichtregierungsorganisation Südwind.

Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen kündigte dagegen kürzlich an, dass sein Institut auch weiterhin mit Nahrungsmitteln spekulieren will. Nach umfangreicher Prüfung habe man „keinen Nachweis gefunden, dass die Spekulation für die Preisentwicklung verantwortlich ist“. Einen solchen Zusammenhang haben in der Vergangenheit allerdings auch Studien der Deutschen Bank hergestellt.

Die Jury, in die Giegold neben Verbraucherschützern auch alte Bundesgenossen aus Attac-Zeiten berief, hält auch Zertifikate für gefährlich, die in die Förderung von Uran, Ölschiefer oder Edelmetalle investieren. Die Umweltschäden in den Entwicklungsländern sind laut Giegold enorm. Es gebe Alternativen, sagt der EU-Abgeordnete, und zeigt auf seinen Ehering aus mattem Weißgold. Der habe eine Zertifizierung, dass das Gold aus einem regulierten Markt komme.Für den Gewinner der Wahl hat Giegold eine Reise nach Paris ausgelobt. Dort sitzt die ESMA, die Finanzprodukte regulieren soll. Im Sommer, so hofft der Grüne, wird das EU-Parlament der Pariser Aufsichtsbehörde das Recht zusprechen, den Vertrieb gefährlicher Produkte europaweit zu untersagen.

Schon jetzt hat der ESMA-Chef zugesagt, Giegold und den Kampagnengewinner zu empfangen. Dann soll darüber diskutiert werden, ob und wie mit dem „Sieger“-Produkt umgegangen wird.

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