Sven Giegold
Mitglied der Grünen/EFA-Fraktion im Europaparlament

Sprecher Europagruppe Grüne

Präsidium des Kirchentags & Europäischer Kirchentag

Liebe Freundinnen und Freunde,

Im Oktober wurde ich zu meiner großen Freude in das Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags gewählt. Das Präsidium trägt die Verantwortung für die Durchführung und das Programm der Kirchentage. Vor allem zwei Anliegen will ich dort voranbringen: Die Planung eines Europäischen Kirchentags und mehr Partizipation beim Kirchentag. Wie ich mir das genauer vorstelle, konnte ich Publik Forum in einem Interview erklären, das Ihr unten im Anhang an das Anschreiben findet. In jedem Falle freue ich mich immer über Vorschläge und Hinweise, z.B. zum Programm der Kirchentage oder auch zur Kirchentagsbewegung insgesamt.

Das Projekt eines Europäischen Kirchentags hat inzwischen große Fortschritte gemacht. Nach einer erfolgreichen Vorbereitungsversammlung im Juni hat eine international besetzte Koordinierungsgruppe die Arbeit aufgenommen und mich auch zu ihren “chair” ernannt. Die Zürcher Kirche finanziert ein erstes Sekretariat des Projekts. Anbei die inzwischen der auch auf Deutsch vorliegende Fahrplan zu einer “European Christian Convention”. Wir arbeiten nun systematisch an der Ausweitung des Kreises der interessierten Kirchen und christlichen Organisationen. Über Hinweise gerade außerhalb Deutschlands freue ich mich.

Es gibt zum Stand des Projekts einen etwa monatlichen Rundbrief. Wenn Du oder Sie auf dem Laufenden bleiben wollten, einfach hier in den Rundbriefverteiler “ecc-info” eintragen:
https://listen.jpberlin.de/mailman/listinfo/ecc-info

Vielen Dank!

Herzliche Grüße und frohe Weihnachtszeit
Sven Giegold

 

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»Ein europäischer Kirchentag«

»Ein europäischer Kirchentag« Sven Giegold, Abgeordneter der Grünen im EU-Parlament, wurde gerade in das Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages gewählt. Was hat er für Pläne, wie sollte sich der Kirchentag entwickeln? Ein Interview

Herr Giegold, Sie wurden in das Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags gewählt. Welche Ziele verfolgen sie dabei?

Sven Giegold: Ich engagiere mich seit Jahren für die Idee eines europäischen Kirchentags. Das will ich vor allem vorantreiben. Wir haben bestens organisierte Lobbygruppen der Wirtschaftsverbände in Europa, doch die Zivilgesellschaft und auch die Kirchen hinken hinterher. Es gibt europäische Dachverbände von Kirchen – die Christenheit jedoch, die trifft sich europäisch nie. Ich möchte, dass sich Laien über die Grenzen hinweg europaweit treffen.

Nun gibt es in Europa viele orthodoxe, pfingstlerische, anglikanische charismatische, evangelische oder katholische Kirchen.

Giegold: So ein europäischer Kirchentag kann nur bunt und vielfältig sein. Er darf sich von außen keine Grenzen aufdrängen lassen. Die Verschiedenheiten muss man aushalten, aber gleichzeitig auch kritisch diskutieren dürfen. Auf diesen Prinzipien müsste eine Europäischer Kirchentag beruhen. Klar ist, dass ein europäischer Kirchentag nur als ökumenischer Kirchentag Sinn macht. – Wenn die Bischöfe die Organisation übernehmen, wird solch ein europäischer Kirchentag vermutlich niemals stattfinden. Deshalb muss die Organisation stark in der Hand von Laien sein – ähnlich wie beim Evangelischen Kirchentag.

In Brüssel arbeiten kirchliche Dachverbände wie die anglikanisch-evangelisch-orthodoxe Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) oder COMECE, die Vereinigung der katholischen Bischofskonferenzen in der EU. Wie erleben Sie diese Akteure?

Giegold: Ich habe diese Organisationen oftmals als die einzigen entschiedenen Bündnispartner erlebt, wenn es darum ging, übermächtigen und zerstörerischen Wirtschaftsinteressen Einhalt zu gebieten. Wenn es etwa um Armutsbekämpfung oder um eine menschliche Flüchtlingspolitik geht, dann sind diese kirchlichen Organisationen sehr wichtig – auch weil sie das Ohr der Konservativen haben, die in diesen Fragen ihre christlichen Wurzeln allzu leicht verleugnen oder vergessen. Doch diese Organisationen bringen nur wenige Delegierte zusammen. Sie haben es noch nie geschafft, wie auch die Europäischen Ökumenischen Versammlungen von Basel (1989), Graz (1996) und Sibiu (2007), dass sich in großer Zahl europäische Laien begegnet sind. Ich glaube, dies ist überfällig – wie übrigens auch ein Europäischer Gewerkschaftertag, den es noch nie gab.

Im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages engagiert sich zum Beispiel Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Sehen Sie sich als kritische Stimme von unten?

Giegold: Das Präsidium des Kirchentages ist ebenso breit aufgestellt wie der Kirchentag selbst. Wir haben keinen evangelischen Tendenz-Kirchentag, sondern einen, der die Kirche in ihrer Breite abbilden soll. Deshalb finde ich es auch richtig, dass dort zum Beispiel auch Thomas de Maizière Mitglied ist, den ich derzeit politisch als Christ kaum verstehen kann.

Darüber hinaus habe ich ein weiteres Vorhaben: Ich bedauere es, dass der Kirchentag so sehr ein Einzel-Event ist. Die Teilnehmenden treffen sich alle zwei Jahre, und viele von ihnen empfinden das als einen Höhepunkt auch ihrer Glaubenserfahrung. Und dazwischen passiert eigentlich fast nichts. Das ist wirklich schade. Warum ist Kirchentag nicht viel mehr Prozess? Warum ist das nur ein Event? Ich finde, Kirchentag könnte denjenigen, die daran teilgenommen haben, viel stärker ermöglichen, sowohl an der Gestaltung der Kirchentage im Vorfeld mitzuwirken, als auch Impulse, die sie dort bekommen haben, weiterzuverfolgen und weiterzutragen. Es findet ja fraglos etwas Wichtiges auf den Kirchentagen statt, auch politisch Wichtiges. Doch dann folgt darauf erst mal mal sehr wenig. Ich glaube, das Internet würde heute den Teilnehmerinnen und Teilnehmern viele Möglichkeiten geben, die auf dem Kirchentag geknüpften Kontakte zu pflegen und die Ideen vom Kirchentag weiterzutragen – ohne dass dies im Gegensatz zur Gemeindearbeit vor Ort steht. Kirchentag als Beteiligungsprozess, das ist ein Projekt, das ich gerne ins Präsidium einbringen werde. Ich bin gespannt, was die Kolleginnen und Kollegen dazu sagen werden.

Nach der Erfahrung vieler kritischer Gruppen und Gemeinden ist der Kirchentag in den letzten Jahren zunehmend in den Mainstream der Gesellschaft gerückt, also ein Stück weit nach rechts – im Vergleich zu früheren Jahrzehnten. Er bietet eine Arena für Berliner Spitzenpolitiker aus Regierung und Opposition, während kritische Initiativen teils keinen Raum mehr auf dem Kirchentag finden. Sie laden nun außerhalb des Kirchentages zu ihren Veranstaltungen ein.

Giegold: Ich teile diese Beobachtung nur zur Hälfte. Es ist natürlich wahr, dass die politische Tendenz des Kirchentages zu anderen Zeiten ausgeprägter war als heute. Doch der Kirchentag heute ist keineswegs unpolitisch. Nur bildet der Kirchentag auch eine Veränderung der Christinnen und Christen ab. Während es zu anderen Zeiten Themen gab, die bis in die Gemeinden hinein ganz breit politisch mobilisierten, wie zum Beispiel die Nachrüstungsdebatte, ist dies heute in dem Maße nicht der Fall. Und die Themen, die heute politisch mobilisieren, die sind auf dem Kirchentag vertreten, wie etwa die Frage nach Asyl in der Kirche oder die Frage nach der Haltung zu Flüchtlingen. Da sind die Kirchen und Gemeinden sehr klar und entschieden aufgestellt. Und dies ist auf dem Kirchentag zu spüren. Wenn man, um ein Beispiel zu nennen, die Fragen thematisiert, die etwa Publik-Forum mit seinen Parallelveranstaltungen beim diesjährigen Stuttgarter Kirchentag aufgegriffen hat – die sind eben nicht überall in den Gemeinden entsprechend verwurzelt. Der Kirchentag ist im Gegensatz zum Katholikentag eben keine Verbände-Show, wo jede Organisation ihre jeweilige Ausrichtung im Rahmen des Programms darstellen darf und man tausend Blumen nebeneinander blühen lässt. Hiervon unterscheidet sich der Kirchentag ganz bewusst. Er will nicht, dass da – um Beispiele zu nennen, die Evangelische Allianz Veranstaltungen ausrichtet und daneben Publik-Forum agiert. Nein, der Kirchentag wird von hunderten von Freiwilligen in Projektleitungen gestaltet. Und die Herausforderung besteht darin, dass dann dort die verschiedenen Stimmen miteinander ins Gespräch kommen. Was ich allerdings wichtig finde, ist, dass der Kirchentag dem politischen Spitzenpersonal keine Bühne bieten darf für Show. Das heißt also: Auch eine Bundeskanzlerin, auch ein Vizekanzler, auch unser Präsidiumsmitglied, Bundesinnenminister Thomas de Maizière, müssen sich hinterfragen lassen von Christinnen und Christen, die eine ganz andere Haltung haben als sie selbst. Und dies geschieht auch auf dem Kirchentag. Zum Beispiel die durchaus konfliktive Veranstaltung zwischen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und den TTIP-Kritikern bildete sicherlich einen Höhepunkt des letzten Kirchentages. Da fand das Gespräch zwischen Christinnen und Christen in ihrer politischen Unterschiedlichkeit statt und diese Pluralität finde ich richtig.

Die Auseinandersetzungen um das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP nähern sich ihrer entscheidenden Phase…

Giegold: Das haben Sie gesagt. Ich glaube, dass die Verhandlungen noch viele Jahre laufen werden. Diejenigen, die verkünden, es sei alles schon entschieden und stehe kurz vor dem Abschluss, die versuchen aus meiner Sicht nur, die Kritik daran niedrig zu halten.

Wie erleben Sie die Kirchen als gesellschaftspolitische Akteurinnen in den Auseinandersetzungen um TTIP – aus Ihrer Brüsseler Erfahrung?

Giegold: Viel zu unklar. Zunächst stört mich natürlich, dass zu der großen Demonstration gegen TTIP zwar Brot für die Welt aufgerufen hat, jedoch nicht Misereor. Dies ist sehr bedauerlich, weil die Auswirkungen von TTIP auf die Entwicklungsländer eindeutig negativ sind. In dem Verhandlungsprozess wird ja gerade versucht, die Stimme der Entwicklungsländer niederzuhalten, die dagegen in der Welthandelsorganisation WTO mitreden dürfen.

Zum zweiten fehlt mir, dass von den Kirchen eine klare ordnungspolitische Kritik an TTIP vorgebracht wird. Weder TTIP noch die anderen Freihandelsabkommen sind vereinbar mit dem Subsidiaritätsprinzip, das aus der Katholischen Soziallehre stammt, noch sind Elemente dieser Abkommen vereinbar mit der Sozialen Marktwirtschaft. Die vorgesehenen Schiedsgerichte stellen das Gemeinwohl unter Schadensersatzvorbehalt. In diesen Grundfragen des Verhältnisses von Wirtschaft und Staat würde ich mir von den Kirchen noch mehr Eindeutigkeit wünschen. Der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Bedford-Strohm hat sich kritisch geäußert – aber nicht eindeutig. Das bedauere ich.

Dieser Text stammt von der Webseite https://www.publik-forum.de/Religion-Kirchen/ein-europaeischer-kirchentag# des Internetauftritts von Publik-Forum

 

Die Roadmap zum Europäischen Kirchentag: https://sven-giegold.de/2015/auf-dem-weg-zur-european-christian-convention/

Rubrik: Mein Europa

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