Sven Giegold
Mitglied der Grünen/EFA-Fraktion im Europaparlament

Sprecher Europagruppe Grüne

Bericht von der Weltausstellung “Reformation in Wittenberg”, Themenwoche “Bewahrung der Schöpfung”

Bericht von der Weltausstellung “Reformation in Wittenberg”, Themenwoche “Bewahrung der Schöpfung”

Sven Giegold, Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Europaparlament

 

Die Themenwoche zur Bewahrung der Schöpfung begann mit einem tragischen Unfall: Eine kolumbianische junge Freiwillige der Weltausstellung Reformation starb – erschlagen von einer Autotür. Dieses furchtbare Ereignis erinnert mich zu Beginn der Themenwoche an den Zustand unserer Welt: Diejenigen, die reich genug sind, sich individualisierten Personenverkehr leisten zu können, leben einen Lebensstil auf Kosten zukünftiger Generationen und der Zerstörung der Natur, vor allem in den armen Staaten der Welt. Der Zugriff des Menschen auf die begrenzten Ressourcen unseres Planeten hat unvorstellbare Ausmaße angenommen. Angesichts des Ausmaßes der Naturzerstörung von der „Bewahrung“ der Schöpfung zu sprechen, ist antiquiert und realitätsvergessen. Vielmehr geht es heute darum, wie der weiteren Zerstörung Einhalt geboten werden kann. Zu diskutieren, welchen Beitrag der christliche Glaube und unsere Kirche leisten können, war eine Themenwoche auf der Weltausstellung wert.

Doch auch während dieser Woche musste man die Frage nach der großen Transformation erst suchen. Die Stadt Wittenberg war gefüllt mit Besucherinnen und Besuchern, die für einen Tag kamen und die historischen Stätten der Luther-Zeit besuchten. Die meisten suchten mehr Steine als Sinn. Am Rande der Innenstadt stand der Transformationspavillon – ein Zelt mit einer kleinen Ausstellung und Veranstaltungsprogramm. Einige dutzend thematische Veranstaltungen fanden während der Woche zum Thema der Bewahrung der Schöpfung statt. Friedrich Schorlemmer präsentierte die Thesen seines Buches „Unsere Erde ist zu retten“. In der katholischen Kirche ging es um Hildegard von Bingen und Franziskus’ Laudato Si. Der 9. Elbe-Kirchentag diskutierte den Schutz des Flusses. Es war nicht leicht, in diesem Programm einen roten Faden zu erkennen. Weitere hochkarätige Referentinnen und Referenten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik suchte man ebenso vergeblich wie Beitragende aus dem globalen Süden. Die großen ökologischen Fragen unserer Zeit, wie beispielsweise die ökologische Transformation unseres Wirtschafts- und Konsummodells oder Gerechtigkeit für die Verlierer der ökologischen Zerstörung und die enormen politischen Widerstände gegen einen gerechten Wandel, klangen bestenfalls an. Mir sind keine Besucher begegnet, die nur wegen der Themenwoche nach Wittenberg gekommen wären. Alles war professionell organisiert, lief geordnet ab. Genau das wirkte angesichts der Dramatik der ökologischen Krise irgendwie glatt. Es gab keine Basisgruppen, keine Schärfe in der Auseinandersetzung, keine Kritik an unserer Kirche. In mehreren Tagen der Beobachtung habe ich keine Polemik oder gar einen Zwischenruf gehört. Welch ein Gegensatz zu Luther, dessen Beitrag zur Reformation zu gedenken wir doch gekommen waren!

Trotzdem konnte man das Verhältnis zwischen christlichem Glauben, Kirche und der ökologischen Krise reflektieren. Eine große Frage schien für mich in allen Veranstaltungen durch: Kann und soll unsere Kirche einen eigenen Zugang zur ökologischen Krise formulieren? Durch die Veranstaltungen zu Hildegard von Bingen, Schorlemmer wie auch zu Franziskus’ Laudato Si und dem Elbe-Kirchentag zog sich ein gemeinsames Motiv: Die Schönheit der Natur sollen wir wahrnehmen, sie bewundern und darin Gottes Schöpfung erkennen. Aus der Ehrfurcht vor der Natur wächst auch die Motivation zu ihrem Schutz. Für den Papst und für Schorlemmer kommt die Verantwortung für die Schöpfung aus einer Haltung der Bewunderung. So schreibt Schorlemmer: „Das Leben zu loben, ist ein ganz alltäglicher Vorgang für jeden, der das Alltägliche nicht als das jeweilig Routinierte abzusehen versteht: In der Kathedrale schweigen und im Garten der Vögel lauschen. Die Kartoffel pellen. Die Zwiebel Häuten“. Ganz ähnliche Aussagen zogen sich durch die vielen christlichen Veröffentlichungen im Rahmen des konziliaren Prozesses „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“. Vielleicht am besten verdichtet in dem Kirchentagslied „Selig ist, wer einfach lebt“. Wir alle sollten lernen, mit einem liebenden, bewundernden Auge die Welt zu sehen.

Hinter all dem steht die Vorstellung, dass wir Christinnen und Christen in der Gesellschaft für eine gemeinsame Haltung zur Schöpfung und gegen ihre Zerstörung werben sollten. Letztlich würden wir die ökologische Transformation dann schaffen, wenn sich diese Haltung ausreichend verbreiten würde. Zugespitzt: Wenn alle Franz von Assisis Sonnengesang täglich tief genug im Herzen trügen, dann wird es was mit der großen Transformation. Nahegelegt wird ein kontemplativer, einfacher Lebensstil mit Gebet statt Konsum.

Dieser Vorstellung wohnt etwas Antipluralistisches inne. Dass alle Christinnen und Christen mit einer gemeinsamen Haltung gegenüber der Schöpfung und ihrer Rettung durch das Leben gehen, erscheint weder aus der Vielfalt von Lebensentwürfen in unserer Gesellschaft noch aus unserem Glauben heraus überzeugend. Die Motivation zum Handeln kann aus verschiedenen Haltungen wachsen. Nicht alle verbringen ihre Freizeit gerne bewundernd im Rosengarten. Niemand glaubt weniger, weil man mehr Freude an anderen Dingen hat. Viele engagieren sich in Unternehmen, die Wert legen auf nachhaltiges Wirtschafen, und haben Spaß, Dinge zu organisieren, sind bezaubert durch Innovationen. Viele verantwortliche Unternehmerinnen und Unternehmer machen sich dafür Stress und bringen ökologische Veränderungen in den Markt und damit voran. Ist das schlechter, nur weil die Haltung weniger schöpfungsbewundernd und der Lebensstil wenig kontemplativ ist? Andere bekommen bei einem Übermaß von Natur in ihrer Freizeit Langeweile und finden Kultur faszinierend. Kunst und Kultur können ebenso den Weg zum Verständnis der ökologischen Transformation ebnen, wie die Faszination der aufgehenden Sonne. Das gilt erst recht für die Wissenschaft, bei der die Grundlagen für ökologische Veränderungen oft erst gelegt werden. Manche der wichtigsten Umwelt-Forscher sehen das Tageslicht vermutlich zu selten. Sollten wir das verurteilen? Sicher saßen auch vor dem Castor manch politisch aktive Jugendliche, die mit der Schönheit des Wendlands weniger zu tun hatten als mit dem Spaß an der nächsten Anti-Castor-Party. Aber es waren diese jungen Aktiven, die die Energiewende mit durchgesetzt haben.

Kurzum: Viele Wege führen zur ökologischen Transformation. Der Gott der Bibel fordert von uns die Übernahme von Verantwortung für die Schöpfung. Er fordert aber keine Vereinheitlichung von Lebensstilen und Haltungen. Im Gegenteil, der Gott der Bibel ist ein Gott, der Freiheit schenkt. Daher sollten wir als Kirche nicht den Fehler machen, Haltungsnoten zu vergeben, sondern die Vielfalt verantwortlicher Lebensentwürfe wertschätzen. Eine Kirche, die so tut, als müsse man nach einem bestimmten Stil durch das Leben gehen, isoliert sich ohne Grund von Teilen der Gesellschaft. Mission kann besonders dann gelingen, wenn unsere Kirche tatsächlich offen ist für alle in der Gesellschaft. Die Kirche engagiert sich zu Recht praktisch und politisch für die Bewahrung der Schöpfung. Sie sollte es angesichts der Dramatik der ökologischen Krise noch mehr tun. Den Gott der Freiheit anzunehmen bedeutet aber, Freiheit nicht ohne gute Gründe direkt oder indirekt beschränken zu wollen. Jede ökologisch begründete Forderung nach Einschränkung von Vielfalt in der Lebens- und Wirtschaftsweise muss durch objektive ökologische Grenzen des Planeten oder die Würde von Mitgeschöpfen gerechtfertigt werden. An willkürlichen Forderungen à la Veggie Day, „einfach leben“ oder einer angeblichen ökologischen Ästhetik muss sich Kirche nicht beteiligen. Solche Forderungen schließen vielmehr den ökologischen Wandel unnötig von Teilen der Gesellschaft ab.

Der Beitrag erscheint in einem von Margot Käßmann herausgegebenen Dokumentationsband zur Weltausstellung “Reformation”, die diesen Sommer in Wittenberg stattgefunden hat.