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Predigt beim Gottesdienst zum Kirchentagssonntag


Am 25. Januar hatte ich die Ehre, in der evangelisch-methodistischen Christuskirche in Bremen-Vegesack die Predigt zum Kirchentagssonntag zu halten, die auch von Radio Bremen übertragen wurde. Predigttext war der eher philosophische Kohelet (Luthers „Prediger“), 3. Kapitel, 9-12.

 

Hier könnt Ihr die Predigt anhören:

 

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Es gilt das gesprochene Wort

 

Kirchentagssonntag, 1. Februar 2015

Ev-methodistische Christus-Gemeinde

Bremen-Vegesack

 

 

Laienpredigt von Sven Giegold

zu Kohelet (Prediger) 3, 9-12

Die Gnade unsres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

„Für mich ist Kirchentag ein großes Fest des Glaubens. Da kann ich auftanken für mein Engagement in meiner Gemeinde!“

„Für mich ist beim Kirchentag begeisternd, mit wie vielen Menschen ich ins Gespräch komme, mit denen ich sonst nie geredet hätte.“

„Für mich ist Kirchentag ein Ort, wo ich mich in Kirche, Gesellschaft und Politik einmischen kann.“

„Für mich ist Kirchentag vor allem ein kulturelles Highlight. Musik, Kabarett, Kunst – ein Wahnsinns-Angebot in fünf Tagen.“

So erzählen Menschen von ihren Kirchentagserfahrungen.

Für mich sind der Kirchentag Tage, an denen es besonders leicht ist, Gott nahe zu kommen.

Liebe Brüdern und Schwestern, ich lade Sie und Euch herzlich ein zum Kirchentag in die Schwabenmetropole Stuttgart, 10 Tage nach Pfingsten vom 3.-7. Juni 2015.

Über 100.000 Besucherinnen und Besucher werden erwartet zu diesem größten Fest Christlichen Glaubens und Christlicher Verantwortung in unserer Gesellschaft.

„Damit wir klug werden“ lautet die Losung für den Kirchentag in Stuttgart. Dies ist ein Halbsatz aus Psalm 90 Vers 12.

Den Luther so übersetzt: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“.

Näher am hebräischen Wortlaut ist eine Formulierung wie: „Lehre uns, unsere Tage zu zählen, damit wir ein weises Herz bekommen“

Der Psalm verweist also auf unsere Vergänglichkeit.

 

Richard von Weizsäcker

Heute ist ein Tag, an dem wir besonders nachdrücklich an diese Vergänglichkeit erinnert werden.

Gestern starb der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker.

Er war Wegbegleiter und Wegbereiter unseres Kirchentags

Dreimal Kirchentagspräsident

Darunter 1969 ebenso in Stuttgart

Er stand für einen politisch engagierten Protestantismus.

Als erster Bundespräsident und als erster Christdemokrat nannte er den 8. Mai eine Befreiung und nicht eine Niederlage. Und als einer der ersten Christdemokraten unterstützte er die Versöhnung mit dem Osten und eine neue Ostpolitik. Damit hat er den gesellschaftlichen Konsens und die Versöhnung vorangebracht. Gerade an diesem Wochenende in Bremen muss man allerdings daran erinnern, dass sich jede Generation eines einmal erreichten Fortschritts in der Gesellschaft immer wieder neu versichern muss. Toleranz, Vielfalt, Weltoffenheit sind auch aus dem Christentum folgende Haltungen, die jede Generation immer neu erringen muss.

 

Anekdote vom Gesprächskreis

Ich erinnere mich noch gut an einen Gesprächskreis von politischen Haudegen aus verschiedenen Parteien, Gewerkschaften und Verbänden. Die hatten mich als noch unerfahrenen Attac-„Sprecher“ vor gut 10 Jahren eingeladen, um herauszufinden, was hinter der damals noch jungen Bewegung steckte. Da war auch Richard von Weizsäcker. Er hörte lange zu. Bescheiden. Er bestritt nicht, dass wir Attacis mit unserer Kritik an der Globalisierung ohne demokratische Kontrolle einen starken Punkt hatten. Und doch zerstörte er dann mit wenigen klugen Fragen einige meiner vorlauten Gewissheiten.

Für mich strahlte von Weizsäcker diese Klugheit aus, um die es in Stuttgart gehen soll.

 

 

— F L Ö T E —

 

Zum Predigttext

Unser Predigttext steht im Buch des sogenannten Prediger Solomos. Eines der Weisheitsbücher im Alten Testament, der auch als Kohelet bekannt ist.

Der Text, wird dem König Salomo, einem Sohn Davids, zugeschrieben. Entstanden ist er aber wohl erst sehr viel später nach dem Exil – vermutlich im 3. Jahrhundert vor Christus.

Das Buch Kohelet ist ein Beispiel krassesten biblischen Punks.

Der Autor ist ein Weisheitslehrer und steckt in einer tiefen Sinnsuche. Er beschreibt seine Suche nach Sinn, Glück, Weisheit und kommt doch trotz aller Experimente und Exzesse zu keinem Ergebnis. Biblisches No-bock, No-future.

Er probiert alles aus:

  • Arbeit und Streben nach Besitz und Macht, samt der Anstrengung dafür
  • Das Ziel großen Besitz aus Parks, Gold und Weinbergen aufzubauen und zu vererben
  • Genusssucht, Freude und Glück genießen
  • Drogen, Sex
  • Die Suche nach Wissen und Können
  • Vollbringen großer Taten

 

Doch alles ist schon mal dagewesen, sei Windhauch, vergänglich, eitel –wie Luther dichtet. Auch die größte Bildung schützt nicht vor dem Schicksal. Aus Momenten des Glücks wird Frust und Leid.

 

Bei Kohelet gibt es nichts Neues und auch keinen Vorteil unter der Sonne. (1,3; 2,5).

 

Kurzum das ganze Buch Kohelet ist ein einziger großer Seufzer.

Es ist klar, dass Kohelet sich überhebt. Er sucht nach einer Antwort auf die Endlichkeit und Vergänglichkeit. Er will verstehen, was die Welt zusammenhält. Antworten, die kein Mensch vollständig geben kann. Er sucht nach ewigem Glück. Und kann all das natürlich nicht finden. Er endet fast im Nihilismus, in der Relativität.

So schließt der gelesene Schrifttext direkt an eine der bekanntesten Abschnitte des Alten Testaments – den Text „Alles hat seine Zeit“:

„1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: 2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; 3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; 4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; 5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; 6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; 7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; 8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“

Der Text verweist darauf, dass alles seine rechte Stunde, seinen Kairos hat. Er ist ein Aufruf im Jetzt zu leben.

Aber „töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit“?

Ist das noch christlich? Ist das nicht relativistisch in Reinform?

Geht diese scheinbare Beliebigkeit nicht zu weit?

Gibt Gott nicht Orientierung, wohin unser Handeln sich richten soll?

Ist unsere christliche Vision nicht die Überwindung von Gewalt, Militär und Waffen? Kann das Töten und Hassen wirklich seine Zeit haben oder gar gut sein? Wie passt das zur Bergpredigt, zu Michas „Schwerter zu Flugscharen“, zu den 10 Geboten?

Doch direkt an diesen Text „alles hat seine Zeit“ schließt sich unser Predigttext an, den wir eben in leichter Sprache gehört haben. Er liest sich in der Kirchentagsübersetzung – dicht am hebräischen Text so:

9 Welcher Gewinn bleibt denen, die etwas tun, von ihrer Mühe? 10 Ich sah mir an, was Gott den Menschen zu tun gegeben hat, damit sie sich dem widmen. 11 Das alles hat Gott schön gemacht zu seiner Zeit, hat auch die Ewigkeit in das Herz der Menschen gelegt, ohne dass sie herausfinden können, was Gott von Anfang bis Ende gewirkt hat. 12 Ich habe erkannt, dass es nichts Gutes bei ihnen gibt, außer dass sie sich freuen und Gutes tun in ihrem Leben. 13 Ja, wo immer Menschen essen und trinken, Gutes wahrnehmen in all ihrer Mühe, ist das ein Geschenk Gottes.

Hier zieht der Prediger ein anderes Fazit: Im hier und jetzt leben und Gutes tun, auch wenn wir uns aus der Mühe und der eigenen Begrenztheit nicht befreien können.

Kohelet unterstreicht, dass alle Suche nach Sinn doch nicht zu vollständiger Erkenntnis führt. Diese offene Suche ohne ganz klares Ergebnis ist liberal, fast postmodern. Nicht Strenge der Gebote treiben den Kohelet. Im Hier und Jetzt sollen wir leben.

Es ist faszinierend im Kohelet zu sehen, welch unterschiedliche Glaubenserfahrungen Raum in der Bibel haben.

Luthers „Prediger“ ist eigentlich eine Fehlübersetzung. „Weiser“, „Versammler“ wäre besser, „Skeptiker“ passender. Er ist philosophisch, kaum religiös.

Wie anders ist doch der Glaubenszugang des Jesaja wie er sich in der heutigen Tageslosung der Herrnhuter Brüdergemeine ausdrückt:

„ Siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Jesaja 40“

Nein, die Bibel kennt genausowenig eine Wahrheit wie das Abendland.

 

Liebe Gemeinde, „Alles hat seine Zeit“ beruhigt, aber es beantwortet nicht die Frage nach dem, was im Leben trägt, was bleibt angesichts all der Vergänglichkeit. Dieser weise Spruch alleine tröstet nicht.

 

„Natürlich! Bleibendes, echtes Glück kann eigentlich nur von Gott kommen, denn nur er kann es geben. Nur er ist der Ewige, derjenige, der immer schon war und weiterhin immer sein wird. Dieses bleibende Glück kann man nicht einfach erwerben oder gar selbst finden. Dieses wahre Glück wird vielmehr nur von Gott geschenkt. Glück ist also eine Gabe Gottes.“ (Michaela Müller)

 

Verbindung Motto des Kirchentags und des Predigttexts

Diese Suche nach Sinn, Weisheit, Klugheit des Kohelet ist auch das Thema unseres Kirchentags.

Die Losung „Damit wir klug werden“.

fragt nach dem Umgang mit Begrenztheit, Knappheit und Endlichkeit

 

Klugheit heißt…

In Grenzen leben

Klugheit ist weniger ein bestimmtes Wissen um richtig oder falsch, sondern eine Einsicht in Grenzen und in das angemessene Ein- und Verteilen des Begrenzten.

Klugheit deutet auf Kompetenz in schwierigen Situationen.

Rigorosität ist in komplexen Situation selten klug.

Wenn etwas eindeutig ist, braucht macht keine Klugheit.

Für mich ist das Gebet, das Gespräch mit Gott der Ort, an dem Klugheit als Lebenshaltung sich auszubilden vermag.

 

Klugheit und Weisheit sind aber nicht nur individuell zu haben.

Es gibt kollektive Dummheit und strukturelle Dummheit.

Ist unser Wirtschaftssystem klug? Ist ein System klug, das uns zu immer mehr Leistung, immer mehr Beschleunigung, Konkurrenz, Flexibilität, Konsum und zur kurzen Frist treibt?

Ist eine Tendenz zur Totalität des Ökonomischen klug?

Die daraus folgende Zerstörung ist heute zeitlos geworden. Denn sie droht unumkehrbar. Dann hat auch nicht mehr alles seine Zeit. Denn ein zu viel von dem einen, kann das andere unlebbar machen.

Die Welt ist aus dem Gleichgewicht,

  • – das liegt aber nicht einfach daran, dass wir individuell unklug sind
  • – es liegt an Strukturen
  • – sie treiben uns in Extreme

Der Einzelne kann sich daraus kaum befreien, wenn nicht auch Strukturen geändert werden.

Der Einzelne kann kaum alleine wirklich klug handeln

Deshalb geht es beim Kirchentag auch um die Strukturen unserer Gesellschaft. Und das ist auch an der rechten Zeit.

 

 

Glaubenstärkung

„Lehre uns unsere Tage zu zählen, damit wir ein weises Herz bekommen“

Ein weises Herz – in der Bibel hat das nicht mit romantischen Gefühlen zu tun. Das Herz ist vielmehr der Ort menschlichen Denkens und Planens, das Organ klugen Handelns. So wird der Glaube an Gott zur Quelle der Klugheit. Mit einem weisen Herz verstehen wir unser eigenes Leben besser und gehen damit verantwortlich um. Das weise Herz ist klug genug, unsere Endlichkeit und Begrenztheit ins Leben hereinzuholen. Glaube ist also nicht weltfremd, er steht mitten im Leben!

 

Kanzelsegen: „Und der Friede Gottes, der höher ist, denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“

 

Amen.

 

 

 

 

 

Verwendete Quellen

Deutscher Evangelischer Kirchentag (DEKT): Materialienheft zum KirchentagsSonntag. http://static.kirchentag.de/production/htdocs/fileadmin/dateien/zzz_NEUER_BAUM/Service/Downloads/Publikationen/DEKT35_KirchentagsSonntag.pdf

Gunther Wenz: Gewinnwarnung, Predigt über Kohelet 5, 9-19, Universitätsgottesdienst an der Fakultät für evangelische Theologie der Universität München

Michaela Müller, Predigt über Kohelet 3,1-14, http://www.predigtpreis.de/predigtdatenbank/predigt/article/predigt-ueber-kohelet-31-14.html

Otto Kaiser: Kohelet – das Buch des Predigers Salomo.

 

Herzlichen Dank für die theologische Hilfe bei vorbereitenden Gesprächen an Christoph Levin, Lioba Diez, Christoph Kiworr. Jeannette Querfurth und Petra Detken, Alle Fehler und Irrtümer liegen natürlich bei mir selbst, niemand von Ihnen hat den Predigttext gegengelesen.