Sven Giegold
Mitglied der Grünen/EFA-Fraktion im Europaparlament

Sprecher Europagruppe Grüne
„Kommt, wir bauen das neue Europa!“

Kirchliche Renten und die Kapitaldeckung – Text von Franz Segbers

Franz Segbers weist in einem – wie ich finde – interessanten Artikel auf die Problematik der oft kapitalmarktabhängigen kirchlichen Renten hin. Ich finde den Artikel lesenswert und der Weitergabe wert.

 

Rente in Gefahr

„Altersvorsorge Betriebsrente ist in Gefahr. Die Pensionskassen können nur noch Anleihen mit niedrigen Zinsen aufnehmen. Der darauf folgende Anlagennotstand lässt die Renten schrumpfen.“ Diese Meldung der letzten Tage macht vielen Menschen Angst vor Altersarmut, hatte man doch überall geraten, eine sichere Altersvorsorge auf dem Kapitalmarkt aufzubauen. Ratlosigkeit macht sich auch bei Pensionskassen und Unterstützungskassen breit. Das Problem, vor dem alle Versorgungswerke – auch die kirchlichen – stehen, lässt sich an der Renditeentwicklung deutscher Bundesanleihen ablesen: Warfen die Papiere im Jahr 2002 noch einen üppigen Ertrag von mehr als fünf Prozent ab, sind es heute gerade einmal 1,2 Prozent. Im Vorwort des Wortes der EKD zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise „Wie ein Riss in einer hohen Mauer“ (2009) hatte der Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, eine „Umkehr“ im Denken und Handeln gefordert. Auch die Kirchen müssen sich aus einer Komplizenschaft mit dem Finanzkapitalismus lösen und umkehren. Diese Komplizenschaft zeigt sich geradezu exemplarisch in der Verstrickung der kapitalmarktgedeckten Zusatzversicherung der Kirchen und Diakonie.

In den Boom-Jahren des Finanzkapitalismus hatten manche Kirchen im Einklang mit den politischen und ökonomischen Eliten die Pfarrerpensionen und auch die Zusatzversorgung ihrer Mitarbeitenden in Kirche und Diakonie teilweise sogar gegen heftigen Widerstand auf das Kapitaldeckungsverfahren umgestellt. Bei der umlagefinanzierten Rente finanzieren die, die arbeiten, jenen die Rente, die nicht mehr arbeiten. Sie ist also ein Ausdruck einer Solidarität der Gesellschaft der Generationen füreinander. Das solidarische Umlageverfahren eignet sich am besten, die Solidarität zwischen den Generationen in einer Weise nachzubilden, die der individuellen Vorsorge durch eine Kapitaldeckung fremd ist. Bei jener nämlich spart jeder nach seinen finanziellen Möglichkeiten seine Altersvorsorge durch die Bildung eines Kapitalstocks an. Seit 20 Jahren ist die umlagefinanzierte Rente madig gemacht. Sie sollte durch eine kapitalgedeckte Finanzierung der Alterssicherung auf dem Kapitalmarkt ergänzt werden. Doch jetzt ist die kapitalgedeckte Finanzierung der Alterssicherung ins Strudeln geraten und hält nicht, was sie verspricht. Diese Erkenntnis bedeutet, dass die Kirchen in die Irre gegangen sind. Sie haben sich in den destruktiven Finanzkapitalismus durch die kapitalgedeckte Altersversicherung sündhaft verstricken lassen.

Die Abkehr von der umlagefinanzierten solidarischen Rente und die Hinwendung zur Kapitaldeckung der Renten ist nicht nur ein finanztechnisches Problem. Sie bedeutet sozialethisch, dass die Kirche für die Finanzierung der Pensionen und Zusatzversicherungen ihrer Beschäftigten auf den fatalen Erfolg eines renditeträchtigen Finanzsystems setzt. Sie zieht somit ihren Vorteil aus einem System, das auf renditeträchtige Anlage bedacht ist und Finanzmittel ins Kasino spült. Es ist an der Zeit, dass die Kirchen ihre eigenen Verstrickungen in das Finanzsystem aufdecken. Wenn die Kirchen es mit der Umkehr ernst nehmen, dann müssen sie die Kapitaldeckung der Pensionen und Zusatzversorgungen aufkündigen und zu der sehr viel krisensicheren Umlagefinanzierung der Renten und Pensionen ihrer Beschäftigten zurückkehren. Dies ist ökonomisch vernünftig und ein theologisch kräftiges Zeichen für die Umkehr der Kirchen und ihre Abkehr vom Finanzkapitalismus.

Der evangelische Sozialethiker Franz Segbers aus Marburg ist Mitherausgeber von „Frieden mit dem Kapital? Wider die Anpassung der evangelischen Kirche an die Macht der Wirtschaft“ (Publik-Forum, 2008). Am 9. 9. ist er in der Predigtreihe „Geld Macht Kirche“ in der Zionskirche in Berlin-Mitte zu Gast. 10 Uhr, Zionskirchplatz.

Quelle: bit.ly/NPKeys

Rubrik: Mein Europa

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