Sven Giegold
Mitglied der Grünen/EFA-Fraktion im Europaparlament

Sprecher Europagruppe Grüne
Bis 15. Dezember 2021

Meine Analyse zum Risikobericht der Deutschen Bank: Lehren aus der Krise? – weit gefehlt

Sicherheit ist ein Wort, das in der Folge der Krise bei nahezu allen Banken groß auf alle Werbeprospekte geschrieben wird, so auch bei der Deutschen Bank. Angeblich sei die Deutsche Bank selbst für die extremsten Szenarien einer neuerlichen Krise gerüstet. Doch wie steht es in der Realität darum?

In einer Arbeit für die Süddeutsche Zeitung habe ich mir den Risikobericht der Deutschen Bank vorgenommen. Hier findet eine stichwortartige Zusammenfassung, weiter unten die ausführliche Analyse:

Zusammenfassung:

Positiv:

  • extrem sophistizierter, detaillierter, akribischer Risikobericht
    • Risiko wird nicht auf die leichte Schulter genommen

Kritik:

  • Extremer overload an Info
  • Schwer verständlich
  • Keine wirkliche executive summary zzgl backups
  • Anscheinend hohe Mathematikgläubigkeit
  • Risiken werden mit Konfidenzintervall 99,98% in Euro berechnet (Die resultierende Zahl heißt im DB Sprech „ökonomischer Kapitalbedarf“)
  • Scheingenauigkeit/Scheinsicherheit!?
  • Keine echtes Nachdenken, warum die mathematischen Risikomodelle in der Finanzkrise versagt haben.
    • Methodik wurde verfeinert aber nicht radikal neu angegangen
    • Hauptkritik: historische Zeitreihen immer noch viel zu kurz. DB kann für Berechnung RWA und damit regulatorische EK Unterlegung ihre eigenen mathematischen Modelle nutzen und braucht daher keine Rating Agencies.
    • Wichtigstes Konzept für Kreditrisiko „fortgeschrittener IRBA (internal ratings based approach) fußt auf 7 J historische Daten
    • Wichtigstes Konzept für Marktrisiko „VaR“ (Value at Risk) berücksichtigt Marktvolatität der letzten 12 Monate (sic!).
  • DB unterstellt sehr hohe Verwertbarkeit der Kreditsicherheiten. Daher haben selbst junk bond Kredite (CCC Rating) noch RWA <80%!
  • Besonders unplausibel erscheint Marktrisiko: max Risiko (99,98% Sicherheit) auf 1.200 Mrd Euro Portfolio im Handelsbuch ist 4,7 Mrd Euro, dh max Verlust nur 0,4%, selbst während 1 Jahr massiver Marktstress
    • Theoretisch möglich, wenn perfekt gehedged
    • Aber hat Finanzkrise nicht gezeigt, dass hedging,  Risikodiversifikation etc nicht perfekt funktioniert
    • daher muss die Bank selbst (versteckt auf S162) zugeben, dass die Verluste auch deutlich größer sein können, weil schließlich „nicht sämtliche Abwärtsszenarien gleichzeitig vorhergesagt und simuliert werden können.“ 
    • Aus 1.475 Mrd Eur Aktiva im Investmentbanking Bereich bleiben 125 Mrd RWA (Faktor 11,8)
  • Wie kann eine Bank 400 Mrd Wertpapiere + 800 Mrd Derivate in den Büchern haben, und behaupten es gäbe keinen Eigenhandel. Alles Kundeninteresse, allenfalls „Marktpflege“ im Sinne des Kunden?
  • Derivate Nominalwert 55.000 Mrd Euro (20x deutsches BIP und ungefähr total world BIP). Davon 75% bilateral (ohne CCPs)
  • Positive Marktwerte Derivate derzeit 768 Mrd Euro. Negativer Marktwert fast identisch. Sind die wirklich alle perfekt gehedged? DB schreibt ausführlich, warum bilaterale Derivate ohne CCPs kein Problem sind, weil Netting Vereinbarungen das Kreditrisiko ausschließen. Aber potentielle Volatität des Marktrisikos der Derivate wird nicht wirklich problematisiert
  • Derivate für mich die größte black box und daher das für mich vielleicht größte Risiko

 

  • Vernünftige EK Ausstattung hat höchste Prio intern
  • Ein nicht unerheblicher Teil (leider keine Quantifizierung zu finden) der verbesserten EK Quote auf RWA liegt daran, dass BaFin der DB erlaubt hat, RWA neu zu berechnen. 2011 wurden Aktiva mit Faktor 10,2 auf RWA kleingerechnet, jetzt ist man bei 11,8. (aufsichtsrechtlicher VaR Faktor von 5,5 auf 4 gesenkt (-27%))
  • Wie sehr ist BaFin Komplize der DB?
    • Warum Erlaubnis zu rechnerische Reduzierung RWA?
    • Summe der 10 größten Kredite ca 120 Mrd Euro. An sich ist laut KWG max 25% des haftenden Kapitals erlaubt. Das wären 13,5 Mrd Euro bei DB. BaFin darf Ausnahmegenehmigungen erteilen. Das klingt hier so. Warum macht die BaFin das?
  • operative Risiken (zB Betrugsfälle) im Investmentbanking Bereich 2 Mrd Euro mit 99,98 Konfidenz. Hat die DB noch nie was vom London Whale gehört, der für JP Morgan (angeblich die Bank mit dem besten risk management) 6 Mrd USD Verlust produziert hat?
  • Boni im Jahr 2012 3,2 Mrd Euro. Im Vgl: Gewinn nach Steuern: 0,3 Mrd Euro, Dividende 0,7 Mrd Euro, jüngste Kapitalerhöhung (10%) 3 Mrd Euro
  • Mit 0,6x Buchwert DB ist im Gegensatz zu vielen anderen I-Banken (UBS, CS, GS, JPM) mit deutlich unter 1x Buchwert bewertet. Obwohl DB Bank mit größter Bilanzsummer in der Welt, nur Rang 37 bzgl Börsenbewertung. Dh die Mehrzahl der Börseninvestoren sehen DB kritisch, zu riskant, zu hoch gehebelt

Erstaunlich:

  • im Risikobericht werden keinerlei regulatorische Risiken erwähnt. Keine FTT, keine Trennbanken etc. DB scheint davor keine Sorge zu haben.

Fazit:

Wir brauchen dringend Schuldenbremse. Kurzfristig 3%, dann aber so schnell wie möglich 10% hartes EK auf ungewichtete Assets, zzgl 20% EK auf RWA

 

Meine ausführliche Analyse:

Lieber Herr Zydra,

wie versprochen sind hier meine Anmerkungen zum Geschäftsbericht der Deutschen Bank. Während des Lesens des Berichts habe ich mich immer wieder gefragt, wie ich so leichtsinnig sein konnte, Ihrem Anliegen nachzukommen. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass dies das erste Mal ist, dass ich den Bericht wirklich Seite für Seite gelesen habe und nicht nur ein paar wesentliche Zahlen nachgeschlagen habe. Ich wusste zwar, dass er sehr umfangreich ist, war aber überzeugt, dass es wenige klar ersichtliche wichtige Abschnitte geben würde und viele hundert Seiten mit weiterführenden Hintergrund bzw „back-ups“.

Leider ist es mir nicht gelungen, diese wenigen wichtigen Abschnitte auszumachen, so dass ich mich tatsächlich durch die vielen Hundert Seiten quälen musste. Oft habe ich mich gefragt, ob die Deutsche Bank absichtlich mit schierer Masse den Leser erschlagen will. Immer wieder habe ich Passagen mehrfach gelesen und mich gefragt, ob ich wirklich mit all den hochgradig intelligent und sophistiziert klingenden Sätzen etwas gelernt habe und verstanden habe, ob materielle Risiken vorhanden sind oder nicht.

Die Menge an Information und die in vielen Aspekten extrem detaillierte Schilderung der Vorgehensweise der Bank hinterlässt den Eindruck, dass Risikomanagement außerordentlich ernst genommen wird und dass mit größter Akribie und sprichwörtlicher deutscher Gründlichkeit gearbeitet wird. Nicht umsonst ist die Deutsche Bank im Gegensatz zu fast allen anderen Großbanken in Deutschland und vielen anderen Teilen der Welt extrem gut durch die Krise gekommen. Nur indirekt, über den Bail-out von AIG in den USA musste die Bank auf Staatshilfen zurückgreifen. Zweifelsohne hat die Bank ein grundsolides und akribisches Risikomanagement.


Mathematikgläubigkeit?

Allerdings stellt sich mir immer wieder die Frage, ob ganze Akribie vielleicht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkennen lässt. Insbesondere hatte ich den Eindruck, dass immer noch dieselbe Gutgläubigkeit bezüglich der Berechenbarkeit von Risiken und ihrer Steuerbarkeit herrscht wie vor der Finanzkrise. Immer noch scheinen die Mathematiker mit ihren komplexen Modellen, Monte Carlo Simulationen und statistischen Verteilungsfunktionen die Oberhand zu haben.

Die Top drei Risiken sind eigentlich schnell auszumachen:

Im einführenden Kapitel „Risikomanagement – Überblick“ ab S50 (alle Seitenzahlen beziehen sich auf den Risikobericht, wenn nicht anders angegeben) werden die größten Risiken quantifiziert mittels des – leider erst wesentlich später erklärten – Konzepts des „ökomischen Kapitalbedarfs“. Mit 99,98% Sicherheit wird mit diesem Konzept das maximale Risiko beziffert. So sind die größten Risiken quantifiziert:

–          12,6 Mrd Euro Kreditrisiko

–            8,5 Mrd Euro Marktrisiko aus Nichthandelsaktivitäten

–            5,0 Mrd Euro operationelles Risiko

Auch in diesen Zahlen sieht man die Mathematiker mit ihren stochastischen Modellen. Gezeigt werden hier nicht die drei größten Einzelrisiken sondern im Grunde business as usual. Man wird immer einige Kreditausfälle haben und der Markt wird immer etwas volatil sein. Manchmal sind die Ausfälle oder die Volatilitäten halt etwas größer. In 0,02% aller Fälle können sie die o.g. Ausmaße erreichen oder überschreiten.

 

Keine Quantifizierung volkswirtschaftlicher Risiken

Als nicht Stochastiker hätte man wahrscheinlich eher bei einer Schilderung der größten Risiken ökonomische Krisen erwartet, wie z.B. ein Zusammenbruch der Eurozone oder ein Krieg im Nahen Osten mit massivem Anstieg des Ölpreises oder eine Finanzkrise wie 2008 mit dem Zusammenbruch einer globalen systemisch wichtigen Bank und darauf folgender Panik, Implosion des Interbankenmarktes etc. Die ersten beiden Risiken werden im Bericht erwähnt, wenn auch nicht detailliert beschrieben (was genau heißt „Eskalation der europäischen Staatsschuldenkrise“? Bedeutet das z.B. Schuldenschnitt in Italien? Zusammenbruch der Eurozone? Oder nur ein erneutes Aufflammen der Krise mit höheren Volatilitäten und Spreads auf Staatsanleihen?). Eine Bankenpanik wie nach dem Zusammenbruch von Lehman im September 2008 wurde anscheinend nicht in Betracht gezogen. Auch erfährt man nur abstrakt, dass die Bank „ausreichend“ Kapital- und Liquiditäts­reserven für derartige Stressszenarien vorhält und nicht, was die konkreten Auswirkungen von z.B. einer „Eskalation der Staatsschuldenkrise“ auf die Bank wären.

 

Keine regulatorischen Risiken?

Mich wundert, dass der Geschäftsbericht keine regulatorischen Risiken quantifiziert. Als Europaabgeordneter habe ich manchmal den Eindruck, die Banken hätten nur noch Lobbyisten angestellt, so sehr werde ich immer wieder mit Gesprächsanfragen überschüttet. Einziges Thema in diesen Gesprächen sind Weltuntergangsszenarien für die deutschen Banken, wenn die wichtigen regulatorischen Maßnahmen wie die Finanztrans­aktionssteuer, Trennbankensystem oder eine harte Schuldenbremse endlich in deutsches Recht umgesetzt werden. Im Risikobericht werden diese Risiken nicht erwähnt. Wahrscheinlich haben sich auch hier die Lobbyisten in Brüssel verselbständigt und die Aktie der Deutschen Bank macht einen Kurssprung sobald z.B. das Trennbankensystem implementiert wird, genauso, wie nach der zehnprozentigen Kapitalerhöhung vor zwei Wochen, die laut Lobby zu einem massiven Kurseinbruch hätte führen müssen.

 

Mathematische Risikomodellierung trotz Finanzkrise nicht reformiert?

Mich wundert noch mehr, dass die Erkenntnisse bezüglich Risiko-Modellierung aus der Finanzkrise nicht wesentlich intensiver diskutiert werden. Einer der wesentlichen Kritikpunkte in Bezug auf die mathematischen Modelle war, dass sie die handelnden Personen in die Welt einer Scheingenauigkeit und Scheinsicherheit versetzt hat. Menschen mit einem IQ von 140 aufwärts hatten stochastische Modelle konstruiert, die so komplex waren, dass sie von den nicht Mathematikern im Top Management oder Aufsichtsrat in keinster Weise nachvollzogen werden konnten. Gleichzeitig wirkten die mathematischen Fachbegriffe so gelehrt und so erschlagend, dass sich niemand traute, zuzugeben, dass er nichts verstanden hatte. Niemand hatte hinterfragt, ob die historischen Zeitreihen, anhand derer die Modelle berechnet wurden, ausreichend lang in die Vergangenheit zurückreichten, um schwerwiegenden Krisen überhaupt zu beinhalten. Des weiteren erschien es allen Beteiligten als völlig normal, für die Wahrscheinlichkeits­berechnung eine Normalverteilung anzunehmen. Dass es auch ganz andere Formen der Wahrscheinlichkeitsverteilung mit sogenanntem „fat tail“ geben könnte, schien den Mathematikern nicht in den Sinn gekommen zu sein.

Diese Erkenntnis wird zwar auf S154 ganz kurz angesprochen, aber ich vermisse eine umfassendere Diskussion darüber. Mein Eindruck ist, dass die mathematischen Risikomodelle zwar immer weiter verfeinert wurden, aber keineswegs radikal neu konzipiert wurden.

 

Zu kurze Zeithistorie für stochastische Risikomodelle?

Ich war gelinde gesagt schockiert über die Erläuterung der für die Deutsche Bank und die Bankenaufsicht (die BaFin verlässt sich bei den meisten Großbanken auf interne ratings und Risikomodelle) wichtigsten und ausgefeiltesten Methode Kreditrisiken zu beurteilen. Der „fortgeschrittene IRBA“ (internal ratings based approach, auf internen Bonitätseinstufungen basierenden Ansatz) wird auf  S110 wie folgt erläutert:

„Der fortgeschrittene IRBA stellt den differenziertesten Ansatz innerhalb des aufsichtsrechtlichen Regelwerks für das Kreditrisiko dar, wodurch wir sowohl interne Bonitätseinstufungsverfahren nutzen als auch interne Schätzungen von verschiedenen spezifischen Risikoparametern vornehmen können. Diese Methoden und Parameter sind bereits seit Langem bewährte Schlüsselkomponenten im internen Risikomess- und Risikosteuerungsprozess zur Unterstützung des Kreditgenehmigungsprozesses, zur Berechnung des Ökonomischen Kapitals und des Erwarteten Verlusts und zur internen Überwachung und Berichterstattung von Kreditrisiken. Zu den relevanten Parametern zählen die Ausfallwahrscheinlichkeit (Probability of Default, auch „PD“), die Verlustquote bei Ausfall (Loss Given Default, auch „LGD“), welche das aufsichtsrechtliche Risikogewicht bestimmen, und der Konversionsfaktor (Credit Conversion Factor, auch „CCF“), der in die Schätzung des Risikopositionswerts (Exposure at Default, auch „EAD“) eingeht.

Was kann da schon schief gehen, wenn da so sorgfältig PD und LGD berechnet werden und dann mit CCF konvertiert werden und schließlich in EAD münden? Nun, der nächste Satz ist höchst ernüchternd:

Für die meisten unserer internen Bonitätseinstufungsverfahren steht uns für die Einschätzung dieser Parameter eine Datenhistorie von mehr als sieben Jahre zur Verfügung.

Dieser Satz bleibt völlig unkommentiert. So wie der Satz formuliert ist, kann man sogar den Eindruck bekommen, dass die Deutsche Bank sieben Jahre als langen Zeitraum ansieht. Nur was nutzen die besten Monte Carlo Simulationen der besten Stochastiker, wenn die Datenhistorie lediglich sieben Jahre beträgt? Was soll diese Scheinwissen­schaft, die uns in Sicherheit wiegen soll? Es ist seit Basel II gängige Praxis in der Bankenaufsicht, dass die Eigenkapitalanforderungungen unterschiedlich sind, je nachdem wie riskant ein Geschäft eingeschätzt wird. Da die Bankenaufsicht nicht in der Lage ist zu beurteilen, wie riskant die einzelnen Geschäfte sind, dürfen die Banken ihre eigenen Risikomodelle benützen. Seltsamerweise soll es da keinen Interessenskonflikt geben.

Interne Modelle müssen nämlich von der BaFin abgesegnet werden. Das mussten allerdings auch die Modelle der IKB, Hypo Real Estate, WestLB usw.

Noch drastischer scheint das kurzfristige Denken bei der Risikoeinschätzung im Handelsbuch zu sein. Das gängigste Konzept im Bankensektor und in der Aufsicht zur Quantifizierung von Risiken im Handelsbuch ist der sogenannte „value at risk“ (VaR). Er misst mit einem festgelegten Konfidenzintervall, wie hoch der maximal mögliche Verlust in einer gewissen Zeitperiode sein mag. Die Deutsche Bank zeigt in ihrem Geschäftsbericht den VaR wie von der BaFin vorgegeben mit einer Wahrscheinlichkeit (Konfidenzniveau) von 99% allerdings nur mit einer Haltedauer von einem Tag (für Zwecke der BaFin muss sie mit 10 Tagen Haltedauer rechnen). Für die mathematische Modellierung werden die Volatilitätsdaten des letzten Jahres (S154) herangezogen (dies ist aufsichtsrechtlich so erlaubt). Und da die Volatilität im Jahr 2012 geringer war als im Jahr 2011 ist der VaR um 21% zurückgegangen (S165).

Das ist natürlich eine sehr gute Nachricht, wenn man tendenziell zu wenig Eigenkapital hat, die Bankenaufsicht nicht mit einer leverage ratio sondern mit einer EK-Quote auf risikogewichtete Aktiva (RWA) rechnet. Im Klartext heißt das, die Bank kann eine bessere Eigenkapitalquote zeigen und sieht damit vertrauenswürdiger aus, nur weil die Volatilität im letzten Jahr geringer war. Und was ist, wenn die Volatitität im Jahr 2013 wieder zunimmt? Ich hatte eigentlich gehofft, dass sich inzwischen die Erkenntnis breit gemacht hätte, dass mathematische Risikosimulationen mit kurzen historischen Zeitreihen völlig aussagelos sind. Dennoch schreibt die Bank auf S167:

„Wir sind weiterhin davon überzeugt, dass unser Value-at-Risk-Modell ein angemessenes Maß für unser handelsbezogenes Marktrisiko unter normalen Marktbedingungen darstellt.“

 

BaFin gestattet DB ihre RWA kleinzurechnen

Wie schön, dass die BaFin das auch so sieht. Und nachdem die Deutsche Bank ihren VaR umfassend und regelmäßig mittels verschiedener Methoden validiert (Holistic Value at Risk Validation (HVV) Process), hat die BaFin der Bank erlaubt für die Berechnung der risikogewichteten Aktiva (also für ihre offizielle EK-Quote) den aufsichtsrechtlichen Multiplikator auf das VaR um 27% von 5,5 auf 4 zu senken.

So werden dann ganz wundersam aus 1.475 Mrd Euro Aktiva im Unternehmensbereich Corporate Banking and Securities (dem Investmentbank Bereich der Deutschen Bank) nur noch 125 Mrd Euro aufsichtsrechtlich relevante risikogewichtete Aktiva. Die echten Aktiva werden somit mit einem Faktor von 11,8 kleingerechnet. 2011 war der Faktor immerhin „nur“ 10,2. (S39 im vorderen Teil des Geschäftsberichts)

Die Deutsche Bank erwähnt zwar, dass die Verbesserung der EK-Quote auch durch Absprachen mit der BaFin und durch „verbesserte“ Berechnungsmethoden der RWA zustande gekommen ist, aber leider habe ich keine Analyse gefunden, welche Faktoren welchen Anteil haben. Hat die Bank nun wirklich konsequent toxische Aktiva abgebaut oder nur die Berechnung für die Risikogewichtung geändert? Oder hat sie gar ihr Kreditvolumen an die deutsche Industrie reduziert? Dabei ist das Thema Verbesserung der Eigenkapital­ausstattung für die Bank derzeit so wichtig, dass es im Brief der beiden Vorstands­vorsitzenden an die Aktionäre (S3 im Geschäftsbericht) die prominenteste Stelle einnimmt.

Zu blauäugig bezüglich Handelsrisiken?

Insgesamt bin ich äußerst konsterniert, wie gering die Deutsche Bank ihr Risiko aus Handelsaktivitäten einschätzt. In ihrem eigenen Ranking gemäß ökonomischen Kapitalbedarf steht dies Risiko lediglich an 5. Stelle. Die Bank beziffert den ökonomische Kapitaldarf für Risiken aus Handelspositionen auf 4,7 Mrd Euro für etwa 1.200 Mrd Euro Handelspositionen in ihren Büchern (S169). Das heißt gemäß Berechnung der Deutschen Bank führen mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,98% selbst widrigste Marktbedingungen über ein ganzes Jahr zu Verlusten von weniger als 0,4%. Wie dieses Wunder möglich ist, wird leider nicht wirklich erklärt.

Kein Eigenhandel?

Zunächst einmal fragt man sich als Laie natürlich wieso eine Bank aus Gründen der Kurspflege, Market Making und anderer Kundenwünsche Aktiva im Wert von etwa 50% des deutschen BIP in ihren Büchern hat und ob das wirklich nichts mehr mit Eigenhandel zu tun hat. Aber viel gravierender ist mein Unverständnis über dieses extrem geringe Marktrisiko. Besonders eklatant ist dies Frage meines Erachtens bei der größten Position im Handelsbuch, den Derivaten, die mit knapp 800 Mrd Euro etwa zwei Drittel der Handelsaktiva ausmachen.

75% der Derivate im bilateralen Handel

Die Deutsche Bank diskutiert ausführlich das Kreditrisiko dieser Derivateposition. Zwar werden trotz massiven Drucks der Politik immer noch 75% aller Derivate komplett bilateral, also nicht über Börsen oder zentrale Clearingstellen (CCPs) abgewickelt. Und leider scheint bei der Nutzung der CCPs auch keinerlei Fortschritt erkennbar. Dafür aber schildert die Bank ausführlich ihre bilateralen Aufrechnungsvereinbarungen, die ein umfangreiches Netting der Kreditexposure ermöglichen. Dazu kommen noch umfassende Sicherheits­vereinbarungen, so dass nach diesen Vereinbarung aus 768 Mrd Euro aktivierter Derivate lediglich 62 Mrd Euro Netto Kreditrisiko werden. Das Kreditrisiko sagt jedoch nur etwas über das Risiko einer Insolvenz der Gegenpartei aus, nichts jedoch über das Marktrisiko aus diesen Aktiva.

55.000 Mrd Euro Nominalwert der Derivate (20x deutsches BIP)

Derivate sind hochgehebelte Produkte, die es erlauben, mit minimalem Kapitaleinsatz große Wetten einzugehen. Ihr Wert wird abgeleitet (lat. derivare=ableiten) von einem anderen Wert, einem Wertpapier, einem Kreditvertrag, einer Devisentransaktion, etc.

Der Wert der Derivate schwankt mit den Kurschwankungen der originären Werte auf die das Derivat abgeschlossen wurde. Der Nominalwert der Derivate zeigt den Wert dieser zugrundeliegenden Größen. Der  Nominalwert aller Derivate Exposures der Deutschen Bank beträgt 55 Billionen Euro. Das ist in etwa so viel wie das BIP der gesamten Welt und 20x so viel wie das BIP von Deutschland.

Wenn die Deutsche Bank einem Unternehmenskunden ein Zinsderivat verkauft, könnte das z.B. wie folgt aussehen:

Der Kunde hat einen variabel verzinsten Kredit bei Bank A mit einer Laufzeit von 5 Jahren über 10 Mio Euro mit einer Marge von Euribor zzgl 200 Basispunkten. Derzeit würde der Kunde also ca 2,5% Zinsen zahlen. Um sich gegen steigende Zinsen abzusichern, kauft der Kunde bei der Deutschen Bank ein Derivat, das aus dem variablen Zins einen Festzins von 3,5% macht. Dafür zahlt er der Deutschen Bank sagen wir fiktiv 1% auf den Nominalbetrag pro Jahr. Das Derivat hätte dann per heute einen Marktwert von 0 Euro, wenn die Deutsche Bank die Kosten von dem Kunden fair bepreist hätte und die Zahlungsströme der vom Markt erwarteten Zinsentwicklung für die nächsten Jahre entsprechen. Wenn sich nun die Ist Zinsen und damit die erwarteten Zinsen für die nächsten Jahre bekommt das Derivat plötzlich einen positiven oder einen negativen Marktwert. Fallen die Zinsen, hat der Kunde Pech gehabt, weil die Differenz zwischen seinen 3,5% Festzins und dem variablen Zins auf einmal größer geworden ist. Dann hat das Derivat in den Büchern der Deutschen Bank einen positiven Marktwert. Steigen die Zinsen wieder, passiert das Gegenteil. Die Zinsabsicherung wird für den Kunden wertvoll und für die Bank sinkt der positive Marktwert. Wenn die Zinsen über 3,5% steigen, wird der Marktwert negativ. Theoretisch könnte der Marktwert extrem negativ werden, da die Zinsen auch auf 10% oder bei hoher Inflation auch noch viel höher steigen könnten.

Wenn nun dieses Zinsderivat auf einen Kredit von 10 Mio Euro abgeschlossen wird und die Zinsen um 2% Punkte steigen, ist der negative Marktwert extrem stark vereinfacht gerechnet 5 x 2% x 10 Mio Euro, also 1 Mio Euro. Sollte der Kredit (also der Nominalwert des Derivats) aber 1 Mrd Euro betragen, werden aus 0 nicht -1 Mio Euro sondern -100 Mio Euro.

Diese Berechnungen sind, wie gesagt, extrem vereinfacht und sollen nur illustrieren, dass der Nominalwert des Derivates eine wesentliche Rolle für die Volatilität des Marktwertes des Derivates hat und dass die Volatilität dieser Werte prozentual massiv größer ist als die des Nominalwertes.

Wie daher aus 55 Billionen Derivate Nominalwerten und derzeit fast 800 Mrd positiver Marktwerte und bei weiteren gut 400 Mrd Handelsportfolio an anderen Wertpapieren der sogenannte VaR (Value at Risk), sprich der mit 99% Wahrscheinlichkeit berechnete höchste Tagesverlust lediglich 58 Millionen Euro betragen kann, wird leider trotz seitenlanger höchst sophistiziert klingender Ausführungen meiner Meinung nach gar nicht erklärt, vielleicht reicht aber natürlich nur meine beschränkte Auffassungsgabe nicht diese Frage zu durchdringen.

Kann die Bank wirklich ihre Marktrisiken perfekt hedgen?

Dies ist nur möglich, wenn die Positionen wirklich perfekt gehedged sind. Es fällt auf, dass die Derivate Position der Passivseite fast identisch mit der Position auf der Aktivseite ist. Wenn also tatsächlich ein Wertverlust eines aktivierten positiven Marktwerts immer exakt zu einer Reduzierung der Verbindlichkeit auf der Passivseite führen würde, hätte die Bank kein Problem. Wahrscheinlich ist dies unter normalen Umständen auch so. Allerdings wird dies im Risikobericht nicht erläutert, so dass für mich als Laien nur immer wieder der Spruch von Warren Buffet im Ohr klingt, dass Derivate „financial weapons of mass destruction“ sind. Anshu Jain und seine Investmentbanker werden jetzt natürlich auf mich zeigen und sagen, schau her, der hat ja keine Ahnung wie Derivate wirklich funktionieren. Aber der Geschäftsbericht gibt auch nicht wirklich verständliche Erläuterungen, warum die Marktwerte der Derivate korrekt berechnet sind und nur ein solch extrem geringes Risiko tragen. Schließlich gibt es für diese bilateral gehandelten Instrumente keinen Markt, sonst würde man sie nicht bilateral handeln. So ist also „mark o market“ eigentlich „mark to modell“ und wenn wenn wir Pech haben, um wieder mit Warren Buffet zu sprechen „mark to myth“.

Und gut versteckt gibt es die Deutsche Bank sogar zu. Zwar schreibt sie seitenweise darüber, wie gut ihr Hauptsteuerungsinstrument des ökonomischen Kapitalbedarfs doch ist, weil es unter Berücksichtigung massiver Stressfaktoren über eine gesamtes Jahr mit einer Sicherheit von 99,98% den maximalen Verlust quantifiziert. Dennoch muss die Bank zugeben, dass die Verluste auch deutlich größer sein können, weil schließlich „nicht sämtliche Abwärtsszenarien gleichzeitig vorhergesagt und simuliert werden können.“ (S162). Leider aber hat die Finanzkrise gezeigt, dass, wenn es kracht, dann aber gleichzeitig und überall.

 

Schuldenbremse einzige Lösung

Für mich als einfacher Politiker, der nicht Finanzmathematik studiert hat und leider auch keinen IQ von über 140 wie der durchschnittliche Mitarbeiter in der Risikosteuerungs­gruppe der Deutschen Bank, zeigt dies wieder einmal, wie wichtig doch die Forderung der Grünen nach einer Schuldenbremse für Banken ist. Wir brauchen dringend ein einfaches aber hartes Regulierungsinstrument, das jeder Laie verstehen kann. Daher fordern wir, wie übrigens fast alle Wirtschaftswissenschaftler, deutlich härtere Eigenkapitalregeln auch auf ungewichtete Aktiva. Kurzfristig müssen 3% Eigenkapital auf alle Aktiva verbindlich werden und mittelfristig müssen wir diese Quote auf 10% anheben.

 

Kleinere Themen:

Wann hören Verluste von NCOU auf?

Die Deutsche Bank hat letztes Jahr den Geschäftsbereich „Non Core Operations Unit“ gegründet und 100 Mrd Euro Aktiva dorthin alloziert. Diese Geschäfte haben in den letzten drei Jahren durchschnittlich etwa 3 Mrd Euro Verlust pro Jahr verursacht. Wie können Aktiva, die 3 Mrd Euro Verlust p.a. generieren mit positiven 100 Mrd Euro bilanziert werden? Warum wird angesichts von 3 Mrd Verlust p.a. der ökonomische Kapitalbedarf mit 5 Mrd Euro angegeben? Ist man sich so sicher, dass die regelmäßigen jährlichen Verluste jetzt aufhören?

Angesichts der miserablen Ertragslage des Jahres 2012 wäre eine ausführliche Diskussion darüber, welche Aufwendungen außerordentlicher Natur waren und was ein „normalisierter“, also ohne a.o. Effekte Ertrag wäre.

Konzentrationsrisiko Großkunden?

Auf S82 gibt die Deutsche Bank Zahlen zu größten Kreditnehmern. In Summe betragen die Kredite an die 10 größten Kreditnehmer ca. 120 Mrd Euro. Sie nennt nicht den größten Einzelkredit. Allerdings muss dieser ja dann deutlich über 12 Mrd Euro betragen und damit wahrscheinlich die aufsichtsrechtlich nach Paragraph 13 und 13a KWG gegebene Grenze von 25% des haftenden Eigenkapitals (25% von 54 Mrd Euro sind 13,5 Mrd Euro) überschreiten. Das heißt, die BaFin müsste diesen Krediten explizit zugestimmt haben. Dies ist auch so ein mir unverständlicher Punkt: wie kann man nach all den Aufsätzen über „too interconnected to fail“ und den massiven Dominoeffekten nach einer Bankenpleite immer noch solche extremen Risiken genehmigen? Zum Teil wird das daran liegen, dass die Deutsche Bank diese Kredite hoch besichert hat. Selbst wenn diese Sicherheiten in einem Konkursfall wirklich voll werthaltig wären, was oft genug nicht der Fall ist, würden doch normalerweise viele Monate oder Jahre vergehen, bis das Konkursverfahren die Sicherheiten frei gibt.

Sicherheiten im Kreditausfall zu optimisch?

Auf S117 zeigt die Bank ihre Annahmen über die wahrscheinliche Ausfallquote bei einem Konkurs des Kreditnehmers (Loss given Default, LGD). Für den Laien erscheint diese sehr gering. Dies führt für die Deutsche Bank jedenfalls dazu, dass selbst Kredite mit Junk Status (CCC Rating) noch ein Risikogewicht von unter 80% zugewiesen bekommen (78,67%, S117). Ich hätte eigentlich erwartet, dass der durchschnittliche Kredit ein Risikogewicht von 100% bekommt, Kredite schlechtester Bonität aber deutlich über 100%.

Warum kann es keinen „London Whale“ bei DB geben?

Die Deutsche Bank berichtet auch ausführlich über operative Risiken. Diese beinhalten explizit auch Betrugsrisiken. Immerhin sind die operativen Risiken mit einem ökonomischen Kapitalbedarf von 5 Mrd Euro das für die Deutsche Bank dritt größte Risiko. Dennoch frage ich mich, wie die Deutsche Bank zu 99,98% sicher sein kann, dass sie vor Mitarbeitern wie z.B. dem Londoner Händler von JP Morgan (der „London Whale“) gefeit sein kann, dessen Derivate Hedging Strategie der Bank Verluste von über 6 Mrd USD zufügte. Beispiele von Milliarden Verlusten durch fahrlässige oder betrügerische Händler bei anderen Banken gibt es zu Hauf. Auch die Deutschen Bank scheint keinesfalls gefeit vor operativen Risiken: Libor Manipulation, Umsatzsteuer­affäre, Leo Kirch, … Wie kann so z.B. der maximale Verlust durch operative Risiken im Handelsbereich mit 99,98% Sicherheit lediglich 2 Mrd Euro betragen? Zeigen nicht die enormen Rückstellungen für Rechtsrisiken, dass dieser Kapitalbedarf zu eng gerechnet wurde?

Mich wundert, dass die Bank nicht beschreibt, ob es ein System des Whistleblowing gibt, dass es Mitarbeitern erlaubt sich unter Umgehung des hierarchischen Dienstweges an z.B. die interne Revision zu wenden oder an das Risiko Committee des Aufsichtsrates, um solche Indizien solcher betrügerischen Aktivitäten anzuzeigen.

Keine Liquiditätssorgen?

Wenn man sich Bankenkrisen ansieht, waren Liquiditätsprobleme eigentlich fast immer für Zusammenbruch der Banken verantwortlich. Selbst die Manager von Lehman hatten nur von kurzfristigen Liquiditätsproblemen gesprochen. Während der Krise nach Lehman mussten fast überall auf der Welt Notenbanken mit höchst kreativen Maßnahmen oder gar der Steuerzahler den Banken Liquidität zur Verfügung stellen. Von daher wundert es mich, wie wenig Raum vergleichsweise das Liquiditätsrisiko bei der Deutschen Bank einnimmt. Die Bank vermittelt im Gegenteil den Eindruck, dass dieses Risiko für sie eigentlich gar nicht existiert, schließlich übersteigen die Barreserven und hochliquiden Staatsanleihen bei weitem den von der Bank als volatil eingeschätztem Teil der Finanzierung. Zu diesem gehören angeblich nur Interbankenfinanzierung (wholesale financing) und Kapitalmarktemissionen der Bank.

Mir ist nicht klar geworden, warum die Refinanzierung im Transaction Banking, also Dienstleistungen für international tätige Unternehmen sowie im private Banking nicht auch anfällig für eine Bankenpanik sein kann. Ich vermute, dass insbesondere im Unternehmensbereich die wenigsten selbst mittelständischen Kunden nur 100.000 Euro oder weniger auf ihren Konten haben. Selbst Mittelständler müssen immer wieder Liquidität im Millionen Volumen vorhalten, um ihre Mitarbeiter oder Lieferanten zu zahlen. Da bei einer Schieflage der Deutschen Bank auch der Einlagensicherungsfonds der Banken kippen würde, wären aber wohl nur Einlagen unter 100.000 Euro staatlich abgesichert. Daher wären auch Einlagen der Unternehmen und großer Privatkunden anfällig für eine Panik. Hier wäre eine Aufschlüsselung der Einlagen (kleiner/größer 100.000 Euro) hilfreich.

Rechtsrisiken vollumfänglich zurückgestellt?

Die Deutsche Bank ist derzeit in große Rechtstreitigkeiten verwickelt, die die Bank mehrere Milliarden Euro kosten könnten. Mir ist nicht klar geworden, ob diese Risiken bereits vollumfänglich zurückgestellt wurden und somit bilanziell verarbeitet sind, oder ob eine rechtskräftige Verurteilung der Deutschen Bank zu einem Milliarden Verlust und einer dementsprechenden Schmälerung des Eigenkapitals führen würde. Mein Eindruck ist allerdings letzteres.

Boni 11x so hoch wie Jahresüberschuss

Die Entwicklung der variablen Vergütung ist seit 2009 zwar deutlich rückläufig. Die Boni sind um 33% von 4,8 auf 3,2 Mrd Euro zurückgegangen. Allerdings ist im Jahr 2011 die fixe Vergütung pro Mitarbeiter um immerhin 4,7% deutlich schneller als in anderen Branchen gewachsen. Außerdem ist die sofort in bar ausbezahlte Komponente der Boni deutlich gewachsen: von 39% der Gesamtboni auf 53%.

Insgesamt erscheint es erstaunlich, dass in einem ertragsmäßig so katastrophalen Jahr für die Bank immer noch so hohe Boni bezahlt werden. Mit 3,2 Mrd Euro ist die Summe der Boni über 11x so hoch wie der Jahresüberschuss des Jahres 2012.

Die Dividenden sind im Vergleich zu den Boni mit 670 Mio Euro auch auf verhältnis­mäßig niedrigem Niveau. Bemerkenswert ist, dass für die Dividendenzahlung in die Substanz des Unternehmens gegriffen wird, immerhin ist die Dividende über doppelt so hoch wie der Gewinn des Jahres 2012.

Wenn man sieht, wie bedeutend die Kapitalerhöhung von 3 Mrd Euro für die Bank war, sieht man, wie wichtig es wäre, Boni von 3,2 Mrd Euro (dies ist die Summe in einem ertragsmäßig katastrophalen Jahr für die Bank) wie von uns Grünen gefordert zum größten Teil weder bar noch in Aktien auszubezahlen. Eine Bezahlung in Aktien würde die bestehenden Aktionäre weiter verwässern und hätte auch keine wirkliche Auswirkung auf die Risikoneigung der Manager. Unsere Forderung ist daher, die Vergütung für sehr lange Zeit (idealerweise 10 Jahre) als bail-in fähiges Darlehen der Bank zur Verfügung zu stellen.

Ich frage mich: Warum erlaubt die Bafin einer so schwach kapitalisierten Bank die Ausschüttung von Boni und Dividenden?

 

Basel III

Löblicherweise berichtet die Deutsche Bank nicht nur über die Kapitalanforderung nach Basel II sondern antizipiert immer wieder bereits auch Basel III. Allerdings sind die unterschiedlichen Zahlen etwas verwirrend. Eine Tabelle mit einer Überleitung wäre hilfreich.

Streumunition und Nahrungsmittelspekulation?

Die Deutsche Bank berichtet über die Wichtigkeit hoher gesellschaftlicher Reputation, die darunter gelitten habe, dass die Bank u.a. Hersteller von Streumunition unterstützt habe (S60).  Mir wurde nicht klar, ob diese Praktiken inzwischen eingestellt wurden.

„Einige unserer Bankgeschäfte haben 2012 Kritik ausgelöst. Zu den problematischen Themen zählten Transaktionen im Zusammenhang mit Nahrungsmittelspekulationen, Finanzierungen zur Herstellung von Streumunition und Transaktionen im Energiesektor. Wir nehmen diese Bedenken ernst und passen unsere Geschäftspraktiken entsprechend an, wo immer es nach einem intensiven Austausch mit unseren Partnern und einer sorgfältigen Analyse der Fakten notwendig erscheint.“

Bezüglich Nahrungsmittelspekulation ist die Bank expliziter, diese werden weiterbetrieben:

„Nach intensiver Prüfung und Beratung haben wir beispielsweise keine stichhaltigen empirischen Belege für die Behauptung gefunden, die zunehmende Bedeutung von Agrarfinanzprodukten sei für Preissteigerungen oder erhöhte Preisschwankungen verantwortlich. Deshalb haben wir einen vorübergehenden Stopp für die Auflage neuer börsengehandelter Produkte auf Agrarrohstoffe aufgehoben.“ (S257)

Das ist aus meiner Sicht falsch. Weitere Argumente dazu liefere ich gerne nach und verweise auf die Auseinandersetzung von Markus Henn (WEED) mit Pries/Prehn, den Henn gewinnt: http://www.weed-online.org/themen/finanzen/nahrungsmittelspekulation/6795569.html

 

Fazit: mehr Eigenkapital wäre gut für alle stakeholder

Als Fazit muss ich leider sagen, dass mir nach der langen Lektüre nicht klar geworden ist, ob ich mein eigenes Geld in die Deutsche Bank investieren würde. Hunderte von Seiten höchst akribischer Schilderungen aller möglichen Risiken vermitteln den Eindruck, dass bei der Deutschen Bank Risikovorsorge hochgradig ernst genommen wird. Dennoch bleibt bei mir ein sehr mulmiges Gefühl angesichts der aus meiner Sicht extrem hohen leverage ratio und der schieren Größe der Risiken. Wenn hier richtig etwas schief gehen sollte, reden wir gleich über hunderte von Milliarden Euro. Damit ist die Deutsche Bank nicht nur eigentlich too big to fail sondern wahrscheinlich auch too big to fail. Ich möchte jedenfalls Finanzminister sein, wenn jemals die Deutsche Bank ins Straucheln geraten sollte. Daher bin ich so vehement für drastisch höhere Eigenkapitalquoten. Angesichts der Komplexität des Bankgeschäfts ist das meiner Meinung nach die wichtigste politische Forderung. Eine Regulierung, wie man einen Risikobericht transparenter gestalten soll, wird jedenfalls das Problem nicht lösen.

Und wenn ich mir die Börsenbewertung der Deutschen Bank so ansehe, fürchte ich, dass ich nicht der einzige mit diesem mulmigen Gefühl bin. Nicht umsonst ist die Deutsche Bank an der Börse nur 0,6x ihres bilanziellen Nettovermögens wert. Die meisten anderen Banken, UBS, Credit Suisse, JP Morgan, Goldman Sachs etc werden von der Börse mit mindestens 1x ihres Nettovermögens gehandelt. So liegt die Bank mit der größten Bilanzsumme der Welt nur auf Rang 37 gemessen am Börsenwert.

Das heißt für mich im Klartext, dass die Mehrheit der Börseninvestoren die Deutsche Bank zu intransparent finden und immer noch zu riskant und zu hoch gehebelt. Deshalb ist entgegen den Unkenrufen der Lobbyisten der Börsenkurs der Deutschen Bank nach der jüngsten Kapitalerhöhung auch so massiv gestiegen.