Sven Giegold

Regionale Wertschöpfung aus Erneuerbaren Energien

Es gibt Vorträge, die machen einen schlauer. Es gibt Vorträge, die sind wirklich relevant. Und es gibt Vorträge, die sind beides. Und genau ein solcher Vortrag war die Studienpräsentation von Dr. Steven Salecki vom Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) zum Thema „Regionale Wertschöpfung und Beschäftigung durch Erneuerbare Energien“ am 30. April 2026.

Vor über 3.000 Teilnehmer*innen zeigte Dr. Salecki die zentralen Ergebnisse einer Studie, die ich vor einigen Jahren im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) auf den Weg gebracht hatte. Und diese Ergebnisse sind hochaktuell für die Bewertung der energiepolitischen Vorschläge von Katherina Reiche!

Aus meiner Sicht sind die wichtigsten Ergebnisse:

1. Erneuerbare Energien tragen schon im Untersuchungsjahr 2023 erheblich zur regionalen Wertschöpfung bei
Zur regionalen Wertschöpfung gehören die Effekte beim lokalen Handwerk durch Installations- und Wartungstätigkeiten sowie die Gewinne aus dem Betrieb kleiner Photovoltaik-Anlagen (<100kW), sowie Einnahmen aus der Verpachtung von Grundstücksflächen und gesetzlich gesicherte Anteile der Gewerbesteuern auf Betreibergewinne. Alleine Wind und PV konnten in 2023 regionale Wertschöpfung von mindestens 3,5 Mrd. Euro erzielen. Das Potential lag sogar bei 5,5 Mrd. Euro. Die Differenz von 2 Mrd. Euro stellt Betreibergewinne großer Anlagen dar, die mangels regionalspezifischer Daten nicht genau verortet werden konnten. In Regionen mit lokal verankerten Erneuerbaren-Projekten bleiben Gewinne auch vor Ort.

2. Das Potential für die regionale Wertschöpfung lässt sich bis 2033 dramatisch steigern
Bei Erreichen des geplanten Ausbaupfades wird die regionale Wertschöpfung aus Wind und PV in 2033 mindestens 8,6 Mrd. Euro erreichen. Das Potential für regionale Wertschöpfung liegt bei 12,4 Mrd. Euro in 2033 jährlich. Gegenüber 2023 könnten die Regionen also 9,1 Mrd. Euro zusätzlich erlösen, wenn das Betreiberkapital aus den Regionen selbst käme und der Ausbaupfad in 2033 erreicht wird.

 

3. Besonders strukturell benachteiligte Regionen profitieren von Erneuerbaren Energien
In Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, NRW, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein sind die Regionen mit hoher Wertschöpfung in 2023 aus Erneuerbaren auch benachteiligte Regionen. Sie profitieren besonders und können Fördergelder aus der Regionalpolitik des Bundes, der EU und der Länder für ihre wirtschaftliche Zukunft einsetzen. Erneuerbare tragen daher zur Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse bei.

4. Für die regionale Wertschöpfung ist Aufdach-PV entscheidend

Während die Windenergie in 2023 mindestens 1,6 Mrd. Euro an regionaler Wertschöpfung beiträgt, sind es bei Aufdach-PV 1,8 Mrd. Die Freiflächen-PV trägt dagegen nur 0,1 Mrd. Euro bei. In 2033 liegen die entsprechenden Werte bei 3,6 Mrd. Euro aus Wind, 4,7 Mrd. Euro Aufdach PV und 0,3 Mrd. Euro Freiflächen PV. Kurzum: Auf die Aufdach-PV kommt es für die regionale Wertschöpfung an, denn sie ist fast immer Besitz regionalen Kapitals. Beim Wind zählt ebenso, wem die Anlagen gehören. Regionales Kapital könnte hier die regionale Weretschöpfung in 2033 von jährlich 3,6 Mrd. auf 6,2 Mrd. Euro steigern! Das Potential bei Freiflächensolar liegt in 2033 „nur“ bei 0,7 Mrd. Euro jährlich.

5. Regionen mit hohem Solarausbau wachsen schneller
Das Wirtschaftswachstum in den Top 5% Solarausbau-Regionen lag von 2017-2022 bei 24% während alle Regionen im Durchschnitt nur mit 16% wuchsen. Wieder ist hier die Solarenergie entscheidend. Ein schneller Solarausbau ließ das Wachstum doppelt so schnell steigen wie ein schneller Windausbau. Solarinstallateure siedeln sich eher vor Ort an und sorgen für Wertschöpfung und Beschäftigung.

 

6. Die Regionen können durch örtliches Engagement ihre Wertschöpfung steigern
Die Kommunen, Bürger*innen und lokale Unternehmen haben großen Einfluss darauf, ob das regionale Wertschöpfungspotential aus den Erneuerbaren ausgeschöpft wird. Kommunen können Erneuerbaren-Anlagen selbst betreiben. Sie können auf eigenen Flächen Wind und PV planen. Bürgerenergiegenossenschaften und -gemeinschaften können gefördert werden. Lokale Unternehmen und Banken spielen eine wichtige Rolle, um Wertschöpfung in der Region zu halten. Schon bei der Regionalplanung sollten die regionalen Wertschöpfungseffekte bedacht werden.

7. Bundes- und Landespolitik kann die Kommunen unterstützen, ihre Wertschöpfung aus den Erneuerbaren zu steigern
Kommunen in Haushaltsnotlage sollten die Möglichkeit bekommen, in Erneuerbare selbst zu investieren. Bundesländer können wie in Niedersachsen und NRW verbindliche Regeln für die Beteiligung von Kommunen und Anwohner*innen an neuen Erneuerbaren-Anlagen erlassen.

Politisches Fazit:

Katherina Reiches Vorschläge sind Gift für Chancen der Regionen aus den Erneuerbaren Wertschöpfung zu erzielen!

Katherina Reiches Vorschläge zielen direkt auf das Ausbremsen von Aufdach-PV-Anlagen. Der Solarausbau soll besonders auf Freiflächen-Solaranlagen erfolgen. Doch genau von diesen Anlagen profitieren die Regionen in der Regel viel weniger! Bei Aufdach-Anlagen leben die Eigentümer in der Regel in der Region. Bei Freiflächenanlagen braucht es gezielte Beteiligungsmöglichkeiten für Bürger und Kommunen.

Dieses Ergebnis der Studie ist hoch relevant für die aktuelle Diskussion um die Reform des Erneuerbare-Energie-Gesetzes und das sogenannte Netzpaket. Denn den Schaden von Katherina Reiches Plänen hat nicht nur die Erneuerbaren-Branche, sondern die Wirtschaft in vielen Regionen als ganzes.

Angesichts dieser Daten wird es Zeit, dass sich die Kommunen und kommunalen Spitzenverbände in die Debatte um die Zukunft der Erneuerbaren einmischen. Es steht viel auf dem Spiel für das Handwerk, Landwirtschaft, lokale Banken und kommunale Kassen!

Dabei haben die Autor*innen der Studie noch nicht einmal alle relevanten Effekte betrachtet. So blieb die Nutzung der Bioenergie außen vor, ebenso wie die Nutzung von Speichern und das regionalwirtschaftlichen Potential von regionalen Preissignalen.

Zum Nachschauen und Nachlesen

Die Folien von Dr. Salecki mit vielen anschaulichen Grafiken und Daten findet Ihr hier:
https://sven-giegold.de/europe-calling-staerkung-der-regionalen-wertschoepfung-durch-ee/

Die Aufzeichnung des Webinars mit dem Vortrag von Dr. Salecki könnt Ihr Euch hier anschauen:
https://www.youtube.com/watch?v=MSo1uZa82fg

Die ganze Studie findet Ihr hier:
https://www.ioew.de/publikation/staerkung_der_regionalen_wertschoepfung_durch_erneuerbare_energien

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Nach wie vor ist bedauerlich, dass das Bundeswirtschaftsministerium unter Katherine Reiche diese wichtige Studie nicht öffentlich würdigt. Nach wie vor steht sie kommentarlos auf der BMWE-Webseite. Eine Pressekonferenz gab es genauso wenig wie eine Presseinformation oder eine Zusammenfassung der Studie in der BMWE-Publikation „Schlaglichter der Wirtschaftspolitik“.

P.S.: Bitte unterstützt und verbreitet weiter unseren Aufruf „Rettet die Erneuerbaren Energien!“: HIER

Und den Wirtschaftsappell: https://actionnetwork.org/forms/wirtschaftsappell